Wo Fanatismus herrscht, muss die Vernunft schweigen

Markus Ziesler und die Mobilfunkgegner

Längst sind es viele Millionen Bundesbürger, die tagtäglich die Bequemlichleiten des Mobilfunks nutzen. Ob beruflich oder privat erreichbar zu sein, im Notfall Kontakt zu haben oder von unterwegs mit Freunden und Familie zu ratschen - rund um die Uhr sind die Mobiltelefone in Betrieb. Doch mit den Funkwellen ist es so, wie einst in früheren Jahrhunderten mit der Dampfmaschine oder dem elektrischen Strom. Weil man sich deren Funktion nicht erklären konnte, war es eben "Teufelszeug", wurde verpönt und von vielen als lebensgefährlich abgelehnt.

Auch heute ist bei manchen Leuten eine gewisse Scheu festzustellen. In einigen Fällen jedoch geht das bis hin zu einer fanatischen Ablehnung der Sendemasten.

Regelmäßig tauchen immer wieder Mobilfunkgegner auf und fordern, Sendemasten in bewohnten Gebieten völlig zu verbieten. Um ihre Vorstellungen zu untermauern, malen sie vor allem vor den von ihnen veranstalteten Informationsveranstaltungen auf Plakaten ein wahres Schreckensszenario aus. Vornehmlich in der Gegend von Schulen und Kindergärten werden diese Plakate dann aufgehängt und jagen so manchen Eltern Angst ein.

Wir fragten zu diesem Thema bewusst weder einen Vertreter der Mobilfunk-Betreiberfirmen noch einen Vertreter der bayerischen "Bürgerwelle", der erklärten Gegner des Mobilfunks also. Der Geretsrieder Markus Ziesler schrieb kürzlich einen Leserbrief zu diesem Thema und so wollten wir mehr von ihm wissen.

Der 39-jährige Markus Ziesler ist selbstständiger Diplom-Informatiker und war vor sechs Jahren Mitbegründer des Bürgernetzes Isar-Loisach. Unser Redakteur, der das Interview führte, verfügt über eine Ausbildung als Informationselektroniker und studierte Nachrichtentechnik.

nah dran: Herr Ziesler, Sie haben sich kritisch über die Panikmache der Mobilfunkgegner geäußert. Wie stehen Sie selbst zum Thema Funk?

Markus Ziesler: Zunächst möchte ich klarstellen, dass zwischen 'normalem' Funk und Mobiltelefonie Unterschiede bestehen. Ein Funknetz wie etwa das der Rettungsdienste ist nur dann belegt, wenn gesprochen wird. Bei der Mobiltelefonie hingegen senden die Umsetzer ständig, damit die Handys anhand der Empfangfeldstärke feststellen können, ob sie sich im Funkversorgungsbereich befinden.

Generell halte ich die derzeitige Panikmache für gefährlich. Gerade die vielen Bürger, die nicht über Fachkenntnisse verfügen, werden total verunsichert und teils auch verängstigt."

nah dran: Es ist eben schwierig, etwas nicht Sichbares, nicht Greifbares und nicht Fühlbares zu verstehen. Da ist es kein Wunder, dass Unsicherheiten bestehen, die durch entsprechende Informationen in Angst umschlagen können. Die Leute machen sich eben Sorgen.

Ziesler: Klar. Aber auch die Mobilfunkgegner können sich nicht über die physikalischen Grundgesetze hinwegsetzen. Es ist nun mal so, dass die Sendeleistungen heute mit rund 20 Watt pro Sendemast sehr gering sind. Früher wurde von weitaus weniger Stationen aus im B- und C- Netz mit 2.000 Watt gesendet - nur keiner wusste das. Das Fatale ist eben: Je weniger Sendemasten aufgestellt werden dürfen, desto höher muss die Leistung der verbleibenden sein, um die vertraglich zugesicherte bestmögliche Flächendeckung zu gewährleisten."

nah dran: Zudem ist es ja so, dass bei den hier verwendeten horizontal abstrahlenden Antennen die Strahlenbelastung unterhalb der Antenne am geringsten ist. Hier ist auch der schlechteste Empfang; manchmal sogar überhaupt keiner. Spielt bei den sogenannten 'elektrosensiblen' Menschen da nicht auch die Psyche ganz erheblich mit? Jedenfalls blüht, der Handel mit Ohrclips, Handyaufklebern und Metalldecken als 'Schutz' vor Mobilfunkstrahlen. Auf beiden Seiten scheinen mittlerweile finanzielle Interessen zu stehen.

Ziesler: Ich will nicht bestreiten, dass es sicherlich Menschen gibt, die auf die verschiedensten Einflüsse reagieren, die die meisten anderen überhaupt nicht stören."

nah dran: Manche können wegen einer gegenüber liegenden Straßenlaterne nicht schlafen, andere brauchen den Fernseher zum Einschlafen...

Ziesler: "Genau das meine ich. Das Schlimme ist nur, dass dies durch gezielte Manipulation beeinflusst, verstärkt oder ausgelöst werden kann. Man muss immer das Verhältnis Nutzen / Risiko gegeneinander abwägen.

Ich habe in meinen jungen Jahren die Anti-Atomkraftbewegung und ihre Aktionen miterlebt Auch damals prallten Ideologien und nüchterne Fakten aufeinander. Schlimm wird's, wenn Fakten bewusst gefälscht oder absichtlich fehlinterpretiert werden, um Ängste zu erzeugen und Apathien zu verstärken. Dabei werden die Bürger schlicht missbraucht!

Die meisten von uns haben Aversionen und Sorgen. Aber wenn ich etwas gegen das Telefonieren mit dem Handy habe, sollte ich das ehrlich zugeben. Das fände ich okay. Aber bitte nicht mit dubiosen Strahlenängsten andere beeinflussen. Auch Ängste können krank machen."

nah dran: Haben wir nicht ohnehin so viel Strahlung, dass die Mobiltelefonie nur noch gering ins Gewicht fällt? Satelliten bestrahlen die Erde, Mikrowellenherde streuen unkontrolliert Strahlung durch die Küchen, manche Keramikfliesen aus Italien strahlen radioaktiv, Radongase können in manchen Gegenden aus dem Erdboden in die Wohnungen dringen, auf Stromleitungen werden hochfrequente Signale aufmoduliert, Radarstationen der zivilen und der militärischen Einrichtungen bestreichen mit ihrem stark gebündelten Hochleistungsstrahl alle Anwohner im Umkreis von Kilometern...

Ziesler: "...und wer weiß schon, dass ein defekter Fernseher oder Monitor eine extreme Strahlungsquelle sein kann? Und ich möchte nicht wissen, wie viele Arztpraxen es gibt, die mit fehlerhaften Geräten die ganze Nachbarschaft bestrahlen. Außerdem: In der U-Bahn gibt es keine Sendemasten, aber eine irre hohe Strahlung. In Stoßzeiten senden hier hunderte von Handys gleichzeitig mit Höchstleitung, denn sie suchen automatisch Kontakt zu einem Sendemasten."

nah dran: Also ist alles halb so wild?

Ziesler: "wir sollten immer die Sorgen und Ängste unserer Mitmenschen ernst nehmen, aber nichts dramatisieren - und vor allem sollten wir technische Fakten und Argumente gelten lassen! Ich habe etwas dagegen, Mitmenschen einer Ideologie willen unnötig zu ängstigen."

Quelle: Münchner Merkur vom 01.08.2003


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