Übersetzung des "Fact sheet" N°296 vom Dezember 2005 der Weltgesundheitsorganisation (WHO) über Elektromagnetische Hypersensitivity (Elektromagnetische Überempfindlichkeit)
nicht autorisierte Übersetzung aus dem Englischen: Klaus Grieninger
Electromagnetic Fields and public health
Electromagnetic Hypersensitivity
Anzahl und Vielfalt von Quellen Elektromagnetischer Felder (EMF) haben im Zuge der Industrialisierung unserer Gesellschaft und dem Fortschreiten der technischen Revolution in einer nie da gewesenen Weise zugenommen. Diese Quellen schließen Bildschirme in Verbindung mit Computern sowie mobile Telefone und ihre Basisstationen ein. Während diese Geräte unser Leben bereicherten, es sicherer und leichter gemacht haben, wurden sie von Bedenken über mögliche Gesundheitsrisiken wegen ihrer Abstrahlung elektromagnetischer Felder begleitet.
Seit geraumer Zeit berichtet eine Anzahl von Personen über eine Vielfalt von gesundheitlichen Problemen, die sie einer Einwirkung von EMF zuschreiben. Während einige Personen über leichte Symptome berichten und damit reagieren, indem sie die Felder soweit wie möglich meiden sind andere so schwer betroffen, dass sie ihre Arbeit aufgeben und ihren gesamten Lebensstil verändern. Für diese vermeintliche Empfindlichkeit gegenüber EMF hat sich im allgemeinen der Begriff "Elektromagnetische Hypersensibilität" oder EHS eingebürgert.
Dieses Faktenblatt beschreibt, was über die Gegebenheiten bekannt ist und stellt Informationen zur Verfügung, um den Leuten mit solchen Symptomen zu helfen. Den dargelegten Informationen liegen eine WHO-Tagung über Elektrische Hypersensitivität (Prag, Tschechien, 2004), eine internationalen Konferenz über EMF und unspezifische gesundheitliche Symptome (COST244bis, 1998), ein Bericht der Europäischen Kommission (Bergqvist und Vogel, 1997) und jüngste Literaturrecherchen zu Grunde.
Was ist EHS?
EHS ist durch eine Vielzahl unspezifischer Symptome charakterisiert, welche die betroffenen Menschen der Einwirkung von EMF zuschreiben. Die am häufigsten erfahrenen Symptome schließen dermatologische Symptome (Hautrötung, Kribbeln und brennende Gefühle) sowie neurologische und vegetative Symptome (Erschöpfung, Müdigkeit, Konzentrationsprobleme, Schwindel, Übelkeit, Herzklopfen und Verdauungsstörungen) ein. Die Sammlung der Symptome ist kein Bestandteil irgend einer bekannten Krankheit.
EHS ähnelt der multiplen Chemikalien-Empfindlichkeit (MCS), einer anderen Funktionsstörung im Zusammenhang mit umweltbedingten schwachen Einwirkungen von Chemikalien. Sowohl EHS als auch MCS lassen sich durch ein Spektrum unspezifischer Symptome charakterisieren, welchen eine offensichtliche toxikologische oder physiologische Ursache oder ein unabhängiger Nachweis fehlt. Ein allgemeinerer Begriff für die Empfindlichkeit auf Umweltfaktoren ist Umweltintoleranz ohne erkennbare Ursachen (Idiopathic Environmental Intolerance, IEI) welcher auf eine Tagung zurückgeht, die durch das Internationale Programm für Chemische Sicherheit (IPCS) der WHO 1996 in Berlin einberufen wurde. IEI ist eine Bezeichnung ohne irgendeine Implikation auf die chemische Ätiologie, eine immunologische Empfindlichkeit oder die Anfälligkeit gegenüber EMF. IEI schließt eine Vielzahl von Funktionsstörungen, die sich in ähnliche unspezifische medizinisch ungeklärte Symptome aufteilen, welche die Menschen nachteilig beeinflussen. Da jedoch die Bezeichnung EHS im allgemeinen gebräuchlich ist, wird sie hier weiterhin verwendet.
Verbreitung
Schätzungen über die Verbreitung der EHS in der Allgemeinbevölkerung bewegen sich über einen sehr großen Bereich. Aufgrund einer Befragung arbeitsmedizinischer Einrichtungen wird eine Verbreitung der EHS in der Bevölkerung auf wenige Personen pro einer Million Menschen geschätzt. Eine Befragung von Selbsthilfegruppen ergab jedoch wesentlich höhere Schätzungen. Ungefähr 10% der berichteten Fälle von EHS wurden als schwerwiegend betrachtet.
Weiterhin besteht eine beträchtliche geographische Variabilität in Bezug auf die Verbreitung und die berichteten Symptome der EHS. Die berichteten Vorfälle von EHS waren häufiger in Schweden, Deutschland und Dänemark, verglichen mit Großbritannien, Österreich und Frankreich. Bildschirmbezogene Probleme waren in den skandinavischen Ländern stärker verbreitet und sie wurden häufiger mit Funktionsstörungen der Haut in Zusammenhang gebracht als sonst in Europa.
Studien an Personen mit EHS
Es wurden etliche Studien mit Personen durchgeführt, die unter EHS leiden. Diese wurden dabei ähnlichen elektromagnetischen Feldern ausgesetzt wie jene, die sie als Ursache für ihre Symptome ansahen. Das Ziel war, Symptome unter kontrollierten Laborbedingungen auszulösen.
Die Mehrzahl der Studien zeigt, dass Personen mit EHS nicht in der Lage sind, die Einwirkung von EMF irgendwie genauer festzustellen, als Personen ohne EHS. Gut überwachte und durchgeführte Doppelblindstudien haben gezeigt, dass Symptome nicht im Zusammenhang mit einer Einwirkung von EMF standen.
Es wird vermutet, dass die beobachteten Symptome bei einigen Personen mit EHS möglicherweise von Umweltfaktoren herrühren, die in keinem Zusammenhang mit EMF stehen. Diese können beispielsweise das Flimmern von Leuchtstoffröhren, Blendung und andere visuelle Probleme an Bildschirmen und eine schlechte ergonomische Gestaltung von Computer-Arbeitsplätzen umfassen. Andere Faktoren die möglicherweise eine Rolle spielen, schließen eine schlechte Raumluftqualität oder Stress an Arbeitsplatz sowie Wohnumfeld ein.
Es gibt auch einige Anzeichen, dass diese Symptome eher auf bereits bestehende psychiatrische Gegebenheiten sowie Stressreaktionen als Ergebnis einer Besorgnis vor Gesundheitsfolgen durch EMF zurückzuführen seien, als auf die Einwirkung der EMF an sich.
Schlussfolgerungen
EHS wird durch eine Vielzahl von unspezifischen Symptomen charakterisiert, welche sich von Person zu Person unterscheiden. Die Symptome sind zweifellos real und können in ihrer Ernsthaftigkeit in einem breiten Bereich variieren. Was immer die Ursache ist, EHS kann für die betroffene Person ein behinderndes Problem darstellen. Für EHS gibt keine eindeutigen diagnostischen Kriterien und es besteht keine wissenschaftliche Grundlage um die Symptome der EHS mit einer Einwirkung von EMF in Verbindung zu bringen. Weiterhin ist EHS keine medizinische Diagnose, noch ist klar, dass sie ein eigenständiges medizinisches Problem darstellt.
Ärzte: Eine Behandlung betroffener Personen sollte sich auf die gesundheitlichen Symptomen und das Krankheitsbild konzentrieren und nicht auf eine, von der Person empfundene Notwendigkeit der Verminderung oder Beseitigung elektromagnetischer Felder am Arbeitsplatz oder zuhause. Dies erfordert:
eine medizinische Beurteilung um wie auch immer geartete spezifische Gegebenheiten, die für die Symptome verantwortlich sein könnten zu identifizieren und zu behandeln,
eine psychologische Beurteilung, um alternativ psychiatrische/psychologische Bedingungen zu identifizieren, welche die Symptome verursachen könnten,
eine Einschätzung von Arbeitsstelle und Wohnung in Bezug auf Faktoren, die zu den dargelegten Symptomen beitragen könnten. Dazu zählen möglicherweise eine Belastung der Raumluft, schlechte Beleuchtung (flimmerndes Licht) oder ergonomische Kriterien. Stressminderung und andere Verbesserungen der Arbeitssituation könnten angebracht sein.
Bei Personen mit EHS mit dauerhaften Symptomen und schweren Gebrechen sollte eine Therapie prinzipiell auf eine Verminderung der Symptome und funktionellen Behinderungen ausgerichtet sein. Dies sollte in enger Zusammenarbeit mit einem qualifizierten spezialisierten Arzt (zur Behandlung der medizinischen und psychologischen Aspekte der Symptome) und einem Hygieniker (zur Identifizierung und Behandlung von Umweltfaktoren, die durch ihre negativen Wirkungen auf die Gesundheit bekannt und für den Patienten von Bedeutung sind) erfolgen.
Die Behandlung sollte darauf abzielen, eine wirkungsvolle Beziehung zwischen Arzt und Patient aufzubauen, dazu beitragen Strategien zur Bewältigung der Situation zu entwickeln und die Patienten zu ermutigen wieder an ihren Arbeitsplatz zurückzukehren und ein normales Leben in der Gesellschaft zu führen.
Personen mit EHS: Neben der Behandlung durch Fachleute können Selbsthilfegruppen eine wertvolle Hilfe für Personen mit EHS darstellen.
Regierung: Die Regierungen sollen entsprechend gezielte und ausgewogene Informationen über potentielle Gesundheitsgefahren durch EMF für Personen mit EHS, Fachleute im Gesundheitswesen und Arbeitgeber zur Verfügung stellen. Die Informationen sollen eine eindeutige Stellungnahme beinhalten, dass für einen Zusammenhang zwischen EHS und einer Einwirkung von EMF gegenwärtig keine wissenschaftliche Basis besteht.
Forscher: Einige Studien weisen darauf hin, dass bestimmte physiologische Reaktionen von Personen mit EHS dazu tendieren, sich außerhalb des normalen Bereiches zu befinden. Im Besonderen erfordern eine Überrerregbarkeit des Zentralen Nervensystems und eine Unausgeglichenheit im autonomen Nervensystem eine Weiterverfolgung in klinischen Untersuchungen um die Ergebnisse bei den Personen als Vorgabe für eine mögliche Behandlung zu nehmen.
Was macht die WHO
Die WHO ermittelt durch ihr internationales EMF-Projekt Forschungsbedarf und koordiniert ein weltweites Programm von EMF-Studien um ein besseres Verständnis für jegliche Gesundheitsrisiken im Verbindung mit einer Einwirkung von EMF zu ermöglichen. Eine besondere Betonung wird auf mögliche Gesundheitsfolgen durch schwache EMF gelegt. Information über das EMF-Projekt und die Wirkungen der EMF wird in einer Folge von Faktenblättern in verschiedenen Sprachen zur Verfügung gestellt. www.who.int/emf/
COST244bis (1998) Proceedings from Cost 244bis International Workshop on Electromagnetic Fields and Non-Specific Health Symptoms. Sept 19-20, 1998, Graz, Austria
Bergqvist U and Vogel E (1997) Possible health implications of subjective symptoms and electromagnetic field. A report prepared by a European group of experts for the European Commission, DGV. Arbete och Hälsa, 1997:19. Swedish National Institute for Working Life, Stockholm, Sweden. ISBN 91-7045-438-8.
Rubin GJ, Das Munshi J, Wessely S. (2005) Electromagnetic hypersensitivity: a systematic review of provocation studies. Psychosom Med. 2005 Mar-Apr;67(2):224-32
Seitz H, Stinner D, Eikmann Th, Herr C, Roosli M. (2005) Electromagnetic hypersensitivity (EHS) and subjective health complaints associated with electromagnetic fields of mobile phone communication---a literature review published between 2000 and 2004. Science of the Total Environment, June 20 (Epub ahead of print).
Staudenmayer H. (1999) Environmental Illness, Lewis Publishers, Washington D.C. 1999, ISBN 1-56670-305-0.