Mobilfunk-Untersuchung aus Naila noch immer nicht veröffentlicht - Stadt verkauft teure CDs
VON CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER
Naila/München - Die Aufregung ist groß. Doppeltes Krebsrisiko rund um Handy-Sendemasten, das verkündet eine Untersuchung von Ärzten aus dem nordbayerischen Naila. Knapp 1000 Patientendaten wollen die Mediziner in ihrer Freizeit ausgewertet haben, das Ergebnis gilt als sensationell - vorerst.
Bisher fehlte der Beweis, dass Mobilfunk-Strahlung innerhalb der gültigen Grenzwerte krank macht. Die fünf Hausärzte aus Naila glauben, die Lücke geschlossen zu haben. An ihren Patienten stellten sie seit 1994 erschreckende Befunde fest: Wer im Umkreis von 400 Metern einer Antenne wohnt, habe ein doppelt so hohes Krebsrisiko, sagt der Nailaer Arzt Horst Eger. Die Studie habe "signifikante Ergebnisse" erbracht und solle jetzt "die Behörden wachrütteln". Nach heftigem medialen Rütteln herrscht nun aber Skepsis. Die Autoren verweigern den Behörden offenbar die Herausgabe der Studie. Bayerns Gesundheitsminister Werner Schnappauf hat trotz mehrfacher, zuletzt schriftlicher Nachfrage kein Exemplar bekommen. Er wundert sich zunehmend. Dem Bundesumweltministerium ging es kaum anders, den Netzbetreibem erst recht nicht.
Vertrieben werden nur CD-ROMs mit einer dürren Präsentation aus Kinderzeichnungen, alten Studien, wenig Ergebnissen und viel Haftungsausschluss. Für satte 10 Euro plus Nachnahmegebühr verschickt dies die Stadtverwaltung. Im Bürgermeisteramt will man auf Nachfrage über Erlöse nicht sprechen. Man decke nur die Kosten; für weitere Fragen habe man keine Zeit. Mehrere hundert Exemplare sind seit einigen Tagen europaweit verschickt worden, jetzt werden die Scheiben (Materialwert wenige Cent) stapelweise nachproduziert.
Die Mobilfunkfirmen selbst müssen Risiko-Forschung unterstützen. Jene Naila-Untersuchung halten sie jedoch für wissenschaftlich zweifelhaft. Eine Hochrechnung der Ergebnisse brächte verheerende Zahlen. Rund 12,5 Millionen Menschen wohnen laut Schätzungen im 400-Meter-Umkreis der Sender. Glaubt man den Daten aus dem Frankenwald, würden Handys jährlich 60 000 neue Krebsfälle hervorrufen. Dafür gibt es in den Krebsregistern keinerlei Beleg. "Ohne wissenschaftliche Beweise vorzulegen, wird hier mit den Ängsten der Leute gespielt", klagt T-Mobile-Sprecher Markus Jodl. Auch das Landesamt für Umweltschutz zweifelt.
Kein Einzelfall: Immer wieder wird mit zweifelhaften Studien und seltsamen Methoden argumentiert - übrigens auf beiden Seiten. Auch Behörden erwiesen sich schon als voreingenommen. Das ist dann wenig hilfreich, um den Bürgern die oft nachvollziehbaren Ängste zu nehmen.
Das Betreiber-nahe Informationszentrum Mobilfunk fordert nun, die Studie, falls existent, endlich offenzulegen und wissenschaftlich zu bewerten. Die lokale Politik verlangt, die Sender komplett abzuschalten. Der Landrat will keine Genehmigung mehr für Masten innerhalb von Orten erteilen. Helfen wird er damit niemandem - die meisten Anlagen sind genehmigungsfrei.