Vor rund zwei Jahren tauchten in Großbritannien Gerüchte auf, daß der europäische Standard
Tetra mit seinen "pulsierenden Strahlen" Krankheiten auslösen könnte. Ähnliche
Diskussionen entwickelten sich auch in den Niederlanden. In beiden Ländern ging es immer
um massiven Streit über die grundsätzliche Normierung zukünftiger digitaler
Mobilfunksysteme der Sicherheitsbehörden. Hier waren die Entscheidungen für Tetra bereits
gefallen. Zuvor gab es umfangreiche Untersuchungen, die zu dem Ergebnis kamen,
daß die vorgetragenen Ängste unbegründet sind. In diesen Ländern, aber auch in Belgien,
Finnland, Österreich und anderen Ländern, laufen unterdessen die Tetra-Netze ohne weitere
Beanstandungen.
Nun, da es auch in Deutschland darum geht, ein digitales Funknetz für die Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) einzuführen, schwappt die Diskussion über den Kanal nach Deutschland. Die jetzt geäußerten Bedenken der Gewerkschaft der Polizei beruhen jedoch auf angeblichen Leistungsmerkmalen von Tetra, die nicht der Wirklichkeit entsprechen: Wie im analogen MPT-Netz und Betriebsfunk aller Normen und Hersteller, arbeiten auch bei Tetra-Netzen die Handgeräte meist mit 0,5 bis 1, max. 3 W und die Mobilgeräte mit 3 bis 10 W Sendeleistung. Im Vergleich dazu arbeiten GSM-Handys mit bis zu 2 W und GSM-Festeinbaugeräte mit bis zu 8 W Sendeleistung.
Die Schilderungen über Beschwerden ähneln denen im Zusammenhang mit der zunehmenden Nutzung von GSM-Handys geäußerten, die auch bei den Diskussionen über Sendestandorte im GSM-Netz immer wieder entfacht werden. GSM und Tetra sind beides von ETSI entwickelte TDMA-Systeme, europäisch genormte Schwesternormen also. Beide senden
Hochfrequenz (wie alle anderen Funkeinrichtungen auch) aus und lösen niederfrequente Pulsfrequenzen bei aktiver Kommunikation durch Umschalten (wie bei allen anderen Funkeinrichtungen ähnlicher Leistungsmerkmale auch) aus.
Diese Schaltvorgänge sind Systemeigenschaften aller zellularen Netzinfrastrukturen, die vor allem bei dem Übergang von einer Funkzelle in eine andere und durch das Telefonieren im Gegensprechen (Duplex) technologisch bedingt sind. Die offenen Schnittstellen europäischer Standards haben zudem den Vorteil, daß sämtliche Eigenschaften nachvollziehbar bekannt sind und durch ETSI in Nizza in Zusammenarbeit mit anderen Institutionen und
nahezu allen Herstellern Europas erarbeitet wurden.
Dabei gibt es einen Unterschied in der Nutzung zwischen GSM und Tetra: Tetra-Bündelfunknetze sind großzellige Netze mit relativ wenig Teilnehmern, die Gebiete von 20 bis 60 km im Radius abdecken, so daß Schaltvorgänge relativ selten sind. Sie werden außerdem im taktischen Einsatz nicht wie Handys zum dauerhaften Telefonieren, sondern als Anweisungsfunk für kurze präzise Dienstanweisungen und Feedback genutzt. Nicht genutzte Geräte strahlen aber keine Hochfrequenzen (HF) und keine Niederfrequenzen (NF) ab. Ganz anders im GSM, wo im innerstädtischen Raum oft alle paar hundert Meter ein Sender steht, so daß selbst beim Laufen auf der Straße die Geräte permanent von einem Sender auf einen anderen umschalten. Dazu kommt, daß die Handys oft exzessiv zum Telefonieren und SMS-Versenden genutzt werden. Trotz aller Unkenrufe sind jedoch keine Gesundheitsschäden bei den Nutzern von GSM nachgewiesen worden.
Erstaunlicherweise regen sich Menschen heute fast nur noch über die Sendestandorte auf, obwohl die dort installierten Funkeinrichtungen weder umschalten noch pulsieren. Der einen oder anderen Information ist zu entnehmen, daß John R. Harrison, medizinischer Polizeiberater von Sussex und Direktor des National Radiological Protection Board, vor übertriebener Aufregung warnt. Die vom NRPB durchgeführten Studien hätten ergeben, daß die niedrigstufige nichtionisierende Tetra-Strahlung bei normaler Nutzung unter den Vorgaben der Richtwerte liege und keine Gefährdung erkennbar sei.
Gespräche mit Herstellern von Tetra-Technologien zeigen, daß man zusammen mit ETSI allergrößten Wert darauf legt, daß die Nutzer die Technik ohne Sorge vor Schaden benutzen können - man sollte also die Kirche im Dorf lassen.
Natürlich kann es nicht schaden, wenn das Bundesamt für Strahlenschutz die Berichte aus Großbritannien und den Niederlanden zur Kenntnis nimmt und mit eigenen Erfahrungen vergleicht. Es schadet jedoch auch nicht, zu akzeptieren, daß in anderen Ländern das Thema bereits umfassend, kompetent und wissenschaftlich behandelt wurde. Das kann unter anderem nachgelesen werden bei:
Worid Health Organization International EMF Project (www.who.int/peh-emf), International Commission on Nonlonizing Radiation Protection - ICNIRP (www.icnirp.de/Documents/Emfgdl.PDF), U.S. Federal Communications Commission (www.fcc.gov/oet/rfsafety),
Dr. John E. Moulder Medical College of Wisconsin (www.mcw.edu/gcrc/cop/cell-phone-health-FAQ/toc.asp).