Die englischsprachige Originalversion dieses Interviews wurde ursprünglich in der Druckausgabe des "New Scientist" veröffentlicht.
Nicht autorisierte Übersetzung: Klaus Grieninger
Mays Swicord suchte 26 Jahre nach einer Wirkung elektromagnetischer Strahlung auf die Gesundheit. Er versuchte immer wieder die Vorstellung zu widerlegen, dass diese Strahlung - wie sie auch von Mobiltelefonen ausgesendet wird - keine Auswirkung hat. Er scheiterte. Er wechselte die Seiten und seit den letzten 8 Jahren arbeitet er für den Mobiltelefon-Hersteller Motorola. Nun versucht er uns zu überzeugen, dass Mobiltelfone sicher sind und darüber nun mehr als genug geforscht worden ist.
David Cohen traf mit ihm zusammen als er London besuchte.
Ich sehe, Sie haben zwei Mobiltelfone an Ihrem Gürtel ....
Eines ist für die USA, das andere für unterwegs.
Machen Sie sich eigentlich Gedanken über die Strahlung die von ihnen ausgeht?
Keinesfalls. Ich habe bestimmt schon stundenlange Gespräche mit Mobiltelefonen geführt. Wegen der Gesundheit würde ich mir keine Gedanken machen - bestenfalls wegen der Unannehmlichkeit ein Telefon für eine Stunde an den Kopf zu halten.
Haben Sie dabei jemals das Gefühl verspürt, dass Ihr Ohr warm wurde?
Sicher, ja. Aber halten Sie mal Ihre Hand gegen das Ohr. Es wird warm, richtig? Das kommt daher, weil Ihr Ohr normalerweise durch die Luft gekühlt wird. Wenn Sie es dagegen isolieren erwärmt es sich indem es sich der Körpertemperatur annähert. Ältere Telefone heizten sich durch hohe Verlustleistung der elektrischen Schaltkreise auf. In keinem Fall wird die Erwärmung durch die ausgestrahlten Funkwellen (HF) verursacht.
Die Sicherheitsnormen sind in dieser Beziehung sehr vorsichtig. Aufgrund theoretischer Untersuchungen wird ein Temperaturanstieg im Körpergewebe von ungefähr 0,1°C veranschlagt.
Gab es ein entscheidendes Ereignis, welches Ihre Einstellung nach all den Jahren änderte?
Dies ging allmählich. Man gelangt an so einen Punkt nicht über Nacht.
1984 veröffentlichten Sie eine Arbeit, in der Sie eine athermische Wirkung schwacher Hochfrequenzstrahlung auf die DNA behaupten. Wie geschah das?
Wir waren der Meinung eine Veränderung in der Struktur isolierten DNA´s zu beobachten, die sich mit der Frequenz des angelegten Signals veränderte. Man würde diese Art der Frequenzabhängigkeit auf einen athermischen Effekt zurückführen. Wir, und im Großen und Ganzen auch die anderen Forscher waren über dieses Ergebnis erfreut. Dann fand der normale wissenschaftliche Prozess statt. Verschiedene Leute versuchten unsere Ergebnisse zu wiederholen.
Und was fanden sie?
Nichts. Kein einziger brachte es fertig unsere Ergebnisse zu reproduzieren. Wir waren nicht mehr in der Lage zurückzugehen um unsere Resultate zu hinterfragen, da wir uns mittlerweile auf das Gebiet der extrem niederfrequenten Felder (ELF) verlegt hatten.
Waren Sie enttäuscht?
Wenn zwei oder drei Leute versuchen, Ihre Arbeit nachzuvollziehen, und es gelingt ihnen nicht, auch wenn Sie diese bei der Arbeit unterstützen und trotz dem diese Sie aufsuchen, um mit Ihnen die Details durchzugehen - dann müssen Sie sagen, "OK, es war ein Zufall." Im wissenschaftlichen Ablauf ist dies üblich.
Fanden Sie eine andere Erklärung für Ihre Beobachtungen?
Nicht wirklich. Wir hatten als Netzwerk Analysator ein älteres Gerät benutzt und einige Leute mutmaßten, dass die Frequenzabhängigkeit darauf zurückzuführen war und nicht auf die DNA. Mir ist keine bessere Erklärung bekannt.
Sind Ihnen irgendwelche Arbeiten bekannt, die auf Effekte durch Hochfrequenz hindeuten?
Lassen Sie mich dies auf etwas andere Art beantworten. Auf der Homepage der Weltgesundheitsorganisation (WHO) werden Sie eine Datenbank der IEEE (dem US Institut der Elektro- und Elektronik-Ingenieure) finden, die tausende Dokumente, Berichte und Rezensionen ab 1950 enthält, die sich alle in irgend einer Weise mit nichtionisierender Strahlung befassen. Fast 1300 davon sind durch Fachkollegen rezensierte Veröffentlichungen, die Aspekte biologischer Wirkungen zum Thema haben. Natürlich berichten viele davon, dass die Strahlung Auswirkungen habe. Aber mir ist keine einzige bekannt, wo dies durch unabhängige Forscher bestätigt oder nachvollzogen worden wäre.
Aber sagen die Leute denn nicht, wenn so viele Studien angesehener Wissenschaftler von messbaren Wirkungen berichten, dass dann doch irgend etwas sein müsse?
Dies ist nicht die Art und Weise, wie wissenschaftliche Erkenntnisse gewonnen werden. Eines der Gründe warum die Ergebnisse anderer nachvollzogen werden ist das Vermeiden von nutzlosem Aufwand, den Sie hätten wenn Sie auf eine Vorhersage bauten, die auf einem Zufallsergebnis beruht. Sie benötigen ein wiederholbares Phänomen, auf das Sie Ihre Studien aufbauen können. Deshalb begann ich, als ich bei der US Nahrungs- und Arzneimittelbehörde war, Wiederholungsstudien durchzuführen um eine Basis zu finden, ob diesen replizierbare Phänomene zugrunde liegen. Falls dies zuträfe, könnten wir darauf aufbauen. Aber das ist eben nicht eingetreten.
Warum denken Sie, ist dies nicht geschehen?
Nach 35 Jahren in diesem Geschäft muss ich zusammenfassend feststellen, dass da eben nichts zu finden ist. Was sonst kann ich schlussfolgern? Besonders wenn Leute sagen, "wir haben da was Neues gefunden", brauchen Sie nur in dieser Datenbank nachzusehen und Sie werden feststellen, dass andere schon etwas Vergleichbares gemacht haben und nicht in der Lage gewesen sind, die Ergebnisse als nachvollziehbares Phänomen unter Beweis zu stellen.
Wie ist das mit dem Steward Report der englischen Regierung? Dieser empfiehlt, dass Kinder keine Mobiltelefone benutzen sollten, da die Möglichkeit von Entwicklungsstörungen bestehe.
Ich denke, der Steward Report berücksichtigte nicht wirklich alle relevanten Daten. Niemand hat je Kinder der Strahlung ausgesetzt und beobachtet, was passiert. Dies wäre ethisch nicht akzeptabel. Aber es gibt eine Studie über vorgeburtliche Hochfrequenzbefeldung eines Affen. Es war nicht das Signal eines Funktelefons aber ich denke das ist wirklich unerheblich; es war jedenfalls im HF-Bereich. Der Affe wurde vor seiner Geburt und dann während seiner Kindheit bestrahlt, ohne irgend eine Auswirkung.
Wie ist das mit schwangeren Frauen?
Die Temperatur ist der Knackpunkt: Sie würden es wahrscheinlich nicht zulassen, dass die Temperatur des Fötus erhöht wird. Aber gerade Telefone erzeugen nicht genug Erwärmung, dass dies in einem signifikanten Ausmaß geschieht.
Aber sind es nicht gerade die thermischen Effekte die zu Sorge Anlaß geben?
Sicher, wenn Sie entsprechend aufheizen. Aber wenn Sie einen Marathon laufen, werden Sie feststellen, dass Ihre Ohrtemperatur auf 40°C steigen kann. Somit ist Ihr Körper in der Lage einen Temperaturanstieg ohne krankmachende Wirkung auszuhalten. Bei Mobiltelefonen sprechen wir über einen Temperaturanstieg nicht von Graden sondern von zehntel Graden. Es gibt nun seriöse Anstrengungen wirklich einmal durchzudenken, welches Problem durch einen Temperaturanstieg verursacht werden könnte. Aber was immer es sei, gegenwärtig gibt es da einen Sicherheitsfaktor.
Denken Sie darüber in gleicher Weise bei der neuen Generation der UMTS-Telefone
Gut, mache Leute sagen, wir müssen eine vollständige Neubewertung wegen der Einführung von UMTS durchführen. Aber Sie können doch nicht sagen, "He, das ist ein neues Signal, gib mir mal 50 Millionen Dollar und laß es uns tun." Was sind denn die Unterschiede von UMTS zum bestehenden System? Ist es die höhere Frequenz? Es gibt Studien über alle Frequenzbereiche von 400 MHz bis 2450 MHz. Manche vermuten die Modulationsarten, welche die Daten auf die Trägerfrequenz aufprägen, hätten verschiedenartige Wirkungen. Ein guter Physiker wird sagen, im Gewebe ist oberhalb etwa 1 MHz eine Demodulation nicht möglich, deshalb kann die Modulation keinerlei Unterschied ausmachen. Aber selbst wenn es möglich wäre, sie liegt in beiden Systemen auf dem gleichen Niveau.
Sie bekamen den Ruf als Enthüller von Mythen …
Wirklich? Ich denke nicht, dass ich ein Enthüller bin. Ich begann meine Karriere mit der Suche nach Wirkungen. Ich verbrachte eine Menge Zeit während meiner Mitwirkung in der biologischen Forschung um irgend etwas zu finden, was reproduzierbar wäre. Wir führten eine Studie im Bereich der Millimeterwellen durch, einige Studien im HF-Bereich und einige im ELF-Bereich. Alle schlugen fehl. Und Sie könnten sagen, "Gut, das liegt daran, weil Du ein schlechter Forscher bist. " Aber ich denke, unsere Arbeit war gut.
Könnten wir etwas Offensichtliches übersehen haben?
Wir können nie die Nullhypothese beweisen. Wenn wir alles Geld der Welt nähmen und für diesen Zweck ausgäben, würden immer noch irgendwelche Fragen offen bleiben über die wir wissenschaftlich Position beziehen könnten. Wir können nicht fortfahren, die Öffentlichkeit um Geld für einen Sache anzugehen, die an einem bestimmten Punkt beendet werden sollte.
Das ist eine ziemliche Veränderung für einen Mann, der vor ein paar Jahren noch ganz aufgeregt eine mögliche Wirkung von HF zu entdecken suchte.
Es führt dazu, ein öffentliches Gewissen zu bekommen. Wir haben eine Verantwortung gegenüber der Bevölkerung weil wir öffentliche Gelder ausgeben. Egal, ob das Geld von der Industrie oder von der Regierung aufgebracht wird, wir zahlen - entweder über die Gerätepreise oder über Steuern. Deshalb haben wir eine Verantwortung zu sagen, wenn es mehr als genug ist. Die Öffentlichkeit möchte wissen, ob es einen gesundheitlichen Aspekt gibt. Falls es den nicht gibt, sollten wir aufhören Geld damit zu verschwenden, indem wir weiter danach suchen. Es gibt andere, dringlichere Gesundheitsprobleme auf der Welt. Nach wie vor verhungern dort Menschen.
Wird dies bei den Leuten nicht einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen?
Gut, ja, das ist immer möglich. Wenn es wirklich eine Wirkung gäbe, müsste ich sagen: "In Ordnung, ich gestehe meine Unfähigkeit ein." Aber Sie müssen schauen, was andere Leute getan haben. War irgend jemand in der Lage irgend eine dieser Feststellungen nachzuvollziehen? Die Antwort ist nein. An einem bestimmten Punkt müssen wir konstatieren: "Das ist es." Wir müssen ein Ende festlegen.
Wie würden Sie dieses Ende definieren?
Wir haben uns an die Forschungs-Agenda der WHO zu halten. Dort gibt es klassische Ansätze dafür. Zum Beispiel gibt es Standard Prozesse um die Krebs Risiken zu bewerten. Am wichtigsten sind Studien mit Menschen - epidemiologische Studien. Wenn die Epidemiologie schwach ausgeprägt ist, was für HF nicht zutrifft, da gerade eine sehr grosse epidemiologische Studie derzeit in der Durchführung ist - dann führen wir eine Studie über das gesamte Leben eines Tieres durch, ein sogenanntes Bioassay. Wenn solche Studien Ergebnisse bringen, dann müssen wir diese durch weitere Studien abklären. Wenn sie keine Ergebnisse bringen, dann sollten wir sagen: "Wir haben das Thema nun erschöpfend behandelt." Ich würde weiter gehen und sagen, dass wir damit aufhören sollten Geld auszugeben, egal ob es durch den Staat oder die Industrie bereitgestellt wird.
Warum sollte die Bevölkerung einem Wissenschaftler trauen, der durch eine Firma bezahlt wird, die daran interessiert ist Mobiltelefone zu verkaufen?
Gut, Sie sind aus England, einem Land wo mehr Misstrauen in die Regierung und in die Industrie besteht, als in den meisten anderen Ländern. Dies ist kein auf England beschränktes Problem aber es ist für Sie ein größeres Problem als in den USA. Ich denke es gibt eine Verantwortung zu sagen: "Hier geht es um etwas Rationales, lasst uns aufhören auf die Dinge in einer sinnlosen Weise zu reagieren. Lasst uns auf eine wissenschaftliche Ebene zurückkehren um die Angelegenheiten zu analysieren und um geeignete Verfahren und die passenden Antworten zu präsentieren.
Aber es gibt in der Bevölkerung die Wahrnehmung, dass hier ein Interessenskonflikt bestehe.
Ich verstehe das. Aber auch akademische Forscher stehen in einem Interessenskonflikt, weil sie bestebt sind ihre eigenen Forschungsaktivitäten zu fördern. So jemand hat zu prüfen, was in Bezug auf die Wissenschaft sinnvoll ist oder in Bezug auf die Volksgesundheit. Wir können uns eben nicht davon losmachen wer wir sind oder für wen wir arbeiten. Wir haben nur danach zu fragen, welcher wissenschaftliche Weg beschritten werden soll.
Können Sie der Bevölkerung die Schuld geben, wenn sie eine Haltung "lieber auf Nummer sicher" einnimmt.
Wir müssen zu einem neutralen Forum gehen, der WHO. Wenn die Bevölkerung keinen Rat von den offiziellen Persönlichkeiten im Gesundheitswesen annimmt, von wem sollte sie dann einen Ratschlag annehmen? Die Öffentlichkeit muss realisieren, dass jedermann in irgend einer Weise in einem Interessenskonflikt steht. Es liegt in unserer Verantworung die Bevölkerung dahin gehend aufzuklären, dass es die wissenschaftliche Arbeit ist, durch die Wahrheit ans Licht kommt, nicht ein politischer Vorgang, welcher speziellen Interessen dient.
Betrachten Sie sich selbst als Kämpfer wider Willen?
Wenn man versucht, wissenschaftliche Aspekte mit der Allgemeinbevölkerung zu behandeln wird das mehr eine politische Angelegenheit als eine wissenschaftliche, was die Formulierung von Sachverhalten angeht und wie sie vorgebracht werden. Für mich ist dies eine etwas unbequeme Situation. Ich würde wesentlich lieber in meinem Laboratorium sitzen um wieder Knöpfe zu drehen und Gleichungen auszurechnen. Ich bin nicht sehnsüchtig ein Politiker zu werden, obwohl ich dies eines Tages sein könnte. Da würde ich nichts ausschließen.