Übersetzung aus Svenska Dagbladet/Brännpunkt Montag, 3. Sept. 2001
Manche Medizinwissenschaftler nehmen es mit der Wahrheit nicht sehr genau indem sie oberflächlich recherchierte Forschungsergebnisse veröffentlichen.
Wider besseren Wissens beziehen sie darüber in den
Medien Stellung, einige dieser Leute sind zu dem auf dem fraglichen Forschungsgebiet nicht einmal kompetent.
Wie fünf Professsoren kürzlich äußerten, sollten Medien und die Öffentlichkeit
mehr Vorsicht in dieser Hinsicht walten lassen.
Forschung wird durch die Öffentlichkeit finanziert. Dies geschieht hauptsächlich über Steuermittel, aber auch
durch Spenden, Stiftungen und andere freiwillige Zuwendungen. Die Notwendigkeit einer korrekten und
allumfassenden Berichterstattung über die erzielten Ergebnisse ist daher durchaus gerechtfertigt. Die Statuten der
Universitäten stützen diese Forderung, indem sie an die Wissenschaftler im Wesentlichen drei Anforderungen
stellen: Forschung, Lehre und die Bereitstellung von Information für die Allgemeinheit als sogenannte "dritte
Pflicht".
Diese "dritte Pflicht" umfasst die Obliegenheit, Ergebnisse in korrekter Weise zu kommunizieren. Bezogen auf
die medizinische Forschung beinhaltet dies neue Behandlungsmethoden und Medikamente, verbesserte
Diagnoseverfahren und neue Erkenntnisse über Gesundheitsrisiken, welche durch Lebensstil und
Umweltfaktoren hervorgerufen werden. Aber neue Forschungsergebnisse führen nur selten zu einfachen und
eindeutigen Feststellungen. Forschung ist ein langwieriger Prozess und unsere Sicht der Dinge ändert sich nur
allmählich im Lichte neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse.
In manchen Situationen ist das Datenmaterial widersprüchlich und es kann eine entmutigend lange Zeit dauern,
bis die Zusammenhänge klar erkennbar werden. In anderen Situationen ergeben sich für Wissenschaftler -
manchmal verlockende - Gelegenheiten, eigene Forschungsergebnisse oder die anderer Fachleute subjektiv zu
interpretieren. Gleichzeitig hat die Öffentlichkeit ein begründetes Recht auf die wissenschaftliche
Meinungsäußerung von etablierten Fachleuten. Diese Meinungen sind auf der Basis anerkannter Prinzipien zu
äußern, eine subjektive Interpretation von Ergebnissen ist korrekterweise auch als solche zu bezeichnen.
Die Mehrzahl der Forscher ist ehrlich, zuverlässig und klar im Urteil. Eine kleine Minderheit jedoch nimmt sich
Freiheiten in Bezug auf die Wahrheit heraus oder vertritt gegenüber den Medien einen Standpunkt wider
besseren Wissens. Die Motivation dazu mag in der Sehnsucht nach Aufmerksamkeit, dem Streben nach Ruhm,
höheren Forschungsmitteln oder einer anderen Form der Anerkennung begründet sein. Dieser Ehrgeiz kann dazu
führen, mit unbegründeten Spekulationen, falsch interpretierten Ergebnissen oder sogar mit vollständigen
Fälschungen an die Öffentlichkeit zu treten.
Derartige verfälschende Aktivitäten treten in verschiedener Ausprägung auf:
In Schweden haben wir Beipiele aus allen diesen Kategorien gefunden. An erster Stelle stand ein schwedischer
Krebsforscher, der unter anderem Ergebnisse bezüglich genetischer Veränderungen in Tumoren als prognostisches
Werkzeug, fälschte.
Die anderen Kategorien befassen sich zwar nicht mit simpler Fälschung, stellen jedoch weitere Beispiele für einen Mangel
an Professionalität und Urteilsvermögen dar. Damit wird wissenschaftliche Legitimation mißbraucht und die
Öffentlichkeit irregeführt.
In der zweiten Kategorie ist ein schwedischen Krebsforscher zu nennen, der eine Presseerklärung als Zusammenfassung
eines Vortrages herausgab, den er anläßlich einer parawissenschaftlichen Konferenz halten wollte. Darin benannte er NMT-
Funktelefone als die Verursacher von Hirntumoren. Es gibt derzeit keinerlei Erkenntnisse welche auch immer eine
objektive Einschätzung dieses Risikos unterstützen würden.
Ein Beispiel der dritten Kategorie war ein schwedischer Wissenschaftler, der über eine kleine Pilotstudie bezüglich mobiler
Telefone und dem Risiko von Hirntumoren berichtete: Insgesamt konnte zwar kein erhöhtes Risiko gefunden werden, nach
Aussage des Wissenschaftlers hätten sich solche Tumore aber jeweils zu der Seite des Schädels verschoben, an die das
Telefon gehalten wird. Diese Form der Interpretation erscheint in biologischer Hinsicht bizarr und ist wahrscheinlich auf
Zufallsergebnisse zurückzuführen.
Der fragliche Wissenschaftler trat jedoch in den Medien zu verschiedenen Gelegenheiten in Erscheinung wobei er seine
Ergebnisse als fundiert bezeichnete und Warnungen vor dem Gebrauch von Mobiltelefonen aussprach. Wir denken, es
ist generell falsch, Pilotstudien in den Medien zu diskutieren, bevor die eigentliche Hauptstudie nicht definitiv abgeschlossen
ist, da erstere nur dazu gedacht sind das Untersuchungsverfahren als solches zu testen.
Ein weiteres Beispiel stammt aus der DN Debatte am 05. April. Eine wissenschaftlich dubiose Studie war Anlaß
weitreichender Spekulationen, die brustgestillten Säuglingen ein höheres Krebsrisiko zuschreiben. Ähnliche Beispiele
schwach fundierter Studien aus dem Bereich der Sozialwissenschaften - in den Medien als etablierte Fakten dargestellt -
wurden von Sören Wibe im Brännpunkt am 5. Mai beschrieben.
Unter Bezug auf die vierte Kategorie können wir einen schwedischen Wissenschaftler zitieren, welcher allen Ernstes in
einer der landesweit führenden Zeitungen behauptete, BSE könnte durch die vermehrte Nutzung von Mobiltelefonen
verursacht worden sein. Der fragliche Wissenschaftler war niemals auf den diesbezüglichen Forschungsgebieten tätig.
Welche Art von Wissenschaftler steht hier in der Kritik? Unsere Kritik bezieht sich ausschließlich auf eine Handvoll von
ungefähr 1.200 etablierten medizinischen Wissenschaftlern in Schweden. Diese Individuen ziehen einen großen Anteil des
Medieninteresses betreffs medizinischer Forschung auf sich - und dies mit zweifelhaften Argumenten. Gleichzeitig
erfreuen sich diese nur beschränkter oder überhaupt keiner Beachtung in wissenschaftlichen Kreisen.
Ein schwedischer Wissenschaftler zum Beispiel äußerte kürzlich eine Reihe von sensationellen Behauptungen, nämlich
daß Aspartam (ein künstlicher Süßstoff) Krebs erzeugt, Mobiltelefone Hirntumore verursachen, Umweltgifte in
Muttermilch Krebs bei brustgestillten Säuglingen hervorrufen und daß der Alkohol eine der Hauptursachen für Krebs
überhaupt sei.
In wissenschaftlichen Kreisen findet ein wirksamer Kontrollprozess durch Anwendung verschiedener
Kontrollmechanismen statt, von denen die Bewertung im Rahmen einer kritischen Diskussion der wichtigste ist. Eine
Veröffentlichung von Forschungsarbeiten in wissenschaftlichen Journalen findet erst statt, nachdem durch die Zeitschrift
ausgewählte, unabhängige Experten die fraglichen Resultate einer genauen Prüfung unterzogen haben. Forschungsresultate
können solange nicht als tragfähig betrachtet werden, solange sie nicht durch andere Wissenschaftler bestätigt wurden. Das
bedeutet, daß auf allen wichtigen Forschungsgebieten schluderige Recherche oder übertriebene Ergebnisse von der
wissenschaftlichen Gemeinschaft aufgedeckt werden. Allerdings greifen diese Kontrollmechanismen nicht bei
Wissenschaftlern "dritter Klasse", falls diese ihre Informationen direkt an die Öffentlichkeit geben. Dies hat zur Folge, daß
durch die Widersprüche das Vertrauen der Bevölkerung in die Wissenschaft untergraben wird. Darunter leidet dann auch
die Glaubwürdigkeit bei der Veröffentlichung bedeutsamer, gut fundierter Forschungsergebnisse. Davon sind auch Fälle
betroffen, bei denen zur Durchführung von Untersuchungen eine Mitwirkung der Öffentlichkeit in der einen oder anderen
Weise erforderlich ist.
Wir müssen Verfahren zur Bestätigung von zu veröffentlichenden Forschungsergebnissen entwickeln. Diese Verfahren
müssen vergleichbar sein mit jenen, die durch die Wissenschaftler selbst angewandt werden um deren Erkenntnisse
innerhalb der Forschungsgemeinde zu bestätigen. Das Ziel muss es sein, die Zuverlässigkeit von zu veröffentlichenden
Informationen zu verbessern. Wer Forschungsergebnisse veröffentlicht, Medien eingeschlossen, hat sicherzustellen, daß
der betreffende Wissenschaftler auf seinem Fachgebiet eine Autorität ist, die sich durch eine realistische Bewertung ihrer
Forschungsergebnisse einen soliden Ruf erworben hat.
Über das Internet kann leicht auf Datenbanken zugegriffen werden, die schnelle Antworten auf Fragen ermöglichen,
inwieweit sich ein Wissenschaftler wirklich aktiv mit einem bestimmten Forschungsgebiet befaßt und ob er seine
Ergebnisse in anerkannten Wissenschaftsjournalen veröffentlicht. Qualitativ weisen diese Publikationen einen enormen
Unterschied auf. Veröffentlichungen von Forschungsergebnissen in den besseren Journalen muß somit auch eine größere
Glaubwürdigkeit geschenkt werden.
Sofern es die Veröffentlichung von ausländischen Forschungsergebnissen in Schweden betrifft, werden schwedische
Experten oft um Kommentare gebeten. Auch die Resultate schwedischer Wissenschaftler sollten vor einer Publizierung
gängigerweise anderen schwedischen oder ausländischen Fachleuten zur Kommentierung übermittelt werden.
Unserer Meinung nach sollten all diese Mittel eingesetzt werden, um wirkungsvoll die Präsentation von korrekten und
bedeutsamen Forschungsergebnissen an die Öffentlichkeit sicherzustellen und um dadurch allgemein das öffentliche
Vertrauen in Forschung und Wissenschaft zu unterstützen.
Hans-Olov Adami, Professor für Epidemiologie von Krebskrankheiten, Karolinska Institutet
Anders Ahlbom, Professor für Epidemiologie, Karolinska Institutet
Anders Ekbom, Professor für Epidemiologie, Karolinska Institutet
Lars Hagmar, Professor für Umwelt Medizin, Lund University
Magnus Ingelman-Sundberg, Professsor für Molekular Toxikologie, Karolinska Institutet
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