Seit Jahren nimmt in Deutschland die Zahl der Geburten und die Zahl der Störche ab. Kann man daraus schließen, dass der Storch die Babies bringt? Genau einem solchen Trugschluss aber sitzen die Mobilfunkgegner auf, wenn sie vermuten, die wachsende Zahl der Krebserkrankungen in Deutschland hänge ursächlich mit der steigenden Anzahl von Mobilfunkmasten zusammen. Denn, da ist sich Prof. Dr. Ing. Jochen Jirmann sicher, ein kausaler Zusammenhang besteht nach allem was über Nachrichten- und Hochfrequenztechnik bekannt ist nicht.
Jirmann ist Dozent am Fachbereich Elektrotechnik und Informatik der Fachhochschule Coburg. Seine Spezialgebiete: Nachrichtentechnik, Hochfrequenztechnik, Antennen und Elektromagnetische Verträglichkeit. Bevor er 1992 an die FH in Coburg wechselte, war er sieben Jahre im Bereich Lasertechnik und danach fünf Jahre in der Medizin-Technik (Herzschrittmacher, Neurostimulatoren und
Prof. Dr. Ing. Jochen Jirmann: "Krasse Defizite im naturwissenschaftlich- technischen und medizinischen Allgemeinwissen."
Diagnosegeräte) tätig - auch forschend. Mikrowellen- und Hochfrequenz-Technik gehörten schon damals zu seinem Alltag.
Die Mobilfunk-Diskussion in Bayern ist ihm ein Dom im Auge:
"Hier wird mit Zahlen und Begriffen agiert, die entweder aus der Luft gegriffen oder aber völlig falsch benutzt werden", so sein Eindruck. Gezieltes Nachfragen offenbare in der Regel krasse Defizite im naturwissenschaftlich-technischen und medizinischen Allgemeinwissen. Ein Beispiel hierfür sei die immer wieder aufgestellte Behauptung, Mobilfunk sei schädlich, weil mit "gepulsten Sendern" gearbeitet wird, was beim Rundfunk- oder Fernsehsender nicht der Fall sei.
Der Grundtenor: Sender, die in der Leistungsdichte schnell schwankende elektromagnetische Wellen abgeben, sind gefährlich, solche, die eine leistungsmäßig konstante Aussendung erzeugen, sind ungefährlich. Prof. Jirmann: "Leider zeigt diese Aussage, wie wenig Sachwissen in Elektrosmog-Kreisen vorhanden ist. Es ist richtig, dass Mobiltelefone ihr Sendeteil immer nur ganz kurze Zeit einschalten, um Daten zu übertragen und anschließend auf Empfang gehen. Dieses Verfahren bezeichnet man als gepulste Sender, oder exakter als Zeitschlitz-Verfahren. Andererseits arbeiten alle analogen Fernsehsender mit einem amplitudenmodulierten Übertragungsverfahren, das in einem Zeitraster von 50 Hertz und 15625 Hertz Hochfrequenzpulse (die Zeilen- und Bildsynchronimpulse) erzeugt. Auch die Rundfunksender auf Langwelle, Mittelwelle und Kurzwelle arbeiten mit 'trägersteuernder Amplitudenmodulation', erzeugen also je nach Programminhalt 'gepulste Sendungen'.
Mehr noch: Selbst die Diathermiegeräte in Arztpraxen oder Kernspin-Tomographen arbeiten mit gepulsten Sendern, letztere auch noch mit Magnetfeldern, die 20 000-fach stärker als das Erdmagnetfeld sind. Die einzigen Sendeanlagen, die eine konstante Leistung an die Antenne abgeben, sind die UKW-Rundfunksender. Jirmann: "So gibt es zu denken, dass die Beschwerderate gegen Rundfunk- und Fernsehsender oder das neue digitale Femsehen praktisch Null ist".
Handys und Basisstationen regeln übrigens ihre Sendeleistung stets so weit herunter, dass gerade noch eine sichere Verbindung besteht; nur in extrem schlecht versorgten Gebieten wird das Handy mit maximaler Leistung senden (bis zu zwei Watt zulässig). Die Stiftung Warentest (Test 1/2002) zeigte auch, dass die Reduktion der SAR-Werte (also der Strahlungsleistung im Nahfeld) mit deutlich schlechterer Übertragungsqualität (bis zum Gesprächsabbruch) in ungünstig versorgten Gebieten einhergeht.
Die Leistungsdichte sinkt in der Hauptstrahlungsrichtung der Antenne übrigens quadratisch mit dem Abstand von der Antenne. Das heißt, bei zehnfachem Abstand beträgt die Leistungsdichte nur noch ein Hundertstel".
Jirmann: "Von Gesundheitsgefährdung kann bei den von Basis-Stationen erzeugten Leistungsdichten hier nicht im mindesten gesprochen werden." Bei zwei Livemessungen an Schulen im Raum Coburg konnte er dem Auditorium demonstrieren, dass die Leistungsdichten der umliegenden Rundfunk- und Fernsehsender weit über denen der D- und E-Netz-Stationen lagen.
Für Prof. Jirmann nicht überraschend: "Wir befinden uns also an der Grenze des technisch Machbaren und die Physik kann niemand überlisten. Trotzdem behaupten selbsternannte 'Experten' immer noch, man könne die Sendeleistungsdichte auf ein Millionstel des heute üblich Wertes ohne sonstige Maßnahmen reduzieren und trotzdem telefonieren". Die Forderung nach diesem "Salzburger Grenzwert" ist Programm, obwohl er nirgendwo auf der Welt Gültigkeit besitzt. Jirmann: "Nicht einmal in Salzburg und Umgebung, deshalb kann man dort auch prima telefonieren!"
Quelle: Mobilfunk in Bayern, Newsletter 05, 8. Juli 2005