Daß der Aufbau der Mobilfunknetze nach wie vor ein heißes Eisen ist, zeigte kürzlich die Veranstaltung „Mobilfunk: Fakten, Nutzen, Ängste" in München: Über 300 Interessierte verfolgten die Vorträge und die anschließende Podiumsdiskussion. Das Symposium war von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften gemeinsam
mit der TU München und dem Konvent Acatech veranstaltet worden.
Zum Erfolg des ersten Mobilfunk-Symposiums innerhalb des BAdW-Forums Technologie trug vor allem das mit Professoren hochkarätig besetzte Podium bei (Foto: TU München)
Breiten Raum nahmen die Ängste ein, die durch den Mobilfunk hervorgerufen werden. Prof. Dr. Dieter Frey von
der Ludwig-Maximilian-Universität in München konnte konkrete Zahlen nennen: „Lediglich 5 % der deutschen Bevölkerung sind frei von jeglicher Angst vor dem Mobilfunk. 10 % halten die Technik für hundertprozentig sicher." Dabei sei die Angst ein positiver Faktor, wenn sie als Antriebspotential und Motor für Erfindungen benutzt werde. „Eine hohe Resistenz gegenüber Änderungen haben Laientheorien", weiß der Professor. So entbehrten Gerüchte über Gehirntumore auf der rechten Gehirnhälfte bei Kindern jeglicher Grundlage - sie seien dennoch nicht mehr auszurotten.
Information reduziert Angst
Das wichtigste Rezept gegen Ängste sei die sofortige Information. So fordert Frey eine informative Fairness, die über „good and bad News" berichtet sowie eine Fairness im Umgang mit den Gegnern.
Prof. Dr. Markus Schwoerer von der Universität Bayreuth ging in seinem Vortrag auf die physikalischen Grundlagen ein. Sein Fazit: „Vorgänge mit großen Intensitäten lassen sich relativ gut darstellen. Schwierig wird es bei schwachen Einflüssen, etwa den Strömungen in den Zellen." Welche Auswirkung die schwache, nicht-ionisierende Mobilfunkstrahlung auf die Transmitterstoffe oder Zellflüssigkeiten hat, sei dagegen weitgehend unbekannt.
Über die technischen Grundlagen des Mobilfunks referierte Prof. Dr. Joachim Hagenauer. Er präsentierte die
von Shannon berechnete minimale Energie für die Übertragung eines Bit über Funk: Pro Bit sind 10-20 Ws (Joule) erforderlich. „Von dieser theoretischen Grenze ist die heutige Technik noch etwa um den Faktor zehn entfernt", berichtete Hagenauer. Außerdem sei die heutige Mobilfunktechnik für GSM und UMTS weit weg von der ionisierenden Strahlung. Aus diesem Grund bezeichnete er die verwendeten Techniken als „weiche Strahlung".
Wenig Gefahr geht nach seiner Meinung von den Sendern aus: „Die Angst vor den Basisstationen ist übertrieben." Die Grenzwerte für den Gefahrenbereich von 6 W/m2 werden bereits im Abstand von 1,8 m erreicht.
Der BUND empfiehlt hier 22 m. Hagenauer beschrieb die Konsequenzen einer Leistungsminderung der Basisstationen um den Faktor 1.000: „Es werden dann 52mal mehr Basisstationen notwendig." Derzeit leuchten Basisstationen in den Städten, die mit etwa 20 W strahlen, einen Bereich von 1 bis 3 km aus. Mikrozellen mit 5 W versorgen Gebiete von 100 bis 300 m. Hagenauer verwies auf Neuentwicklungen wie Relaisstationen für die Versorgung von Gebäuden oder das
Miniwatt-Projekt mit dem BMBF.
Eine weitaus größere Belastung der Bevölkerung sieht Hagenauer durch den Rundfunk. Beispielsweise strahlt ein Sender in Berlin mitten in der Stadt mit einer Leistung von einem Megawatt. Er zitierte ein Beispiel, wonach ein großer Fernsehsender so viel Leistung sendet wie alle Mobilfunkbetreiber in Deutschland zusammengenommen. „Der Rundfunk ist wesentlich schlimmer", glaubt Hagenauer. Dieser von ihm gewählte Hinweis auf die viel gefährlicheren Rundfunksender hilft dem Mobilfunk-Geplagten, der in der Nähe einer Mobilfunkantenne lebt, allerdings wenig. Die Diskussion wird also weitergehen, solange keine wissenschaftlichen Beweise vorliegen.
Schäden nicht reproduzierbar
Prof. Dr. Jiri Silny von der RWTH Aachen berichtete über den Stand des gesicherten Wissens über Gesundheitsrisiken. Er verfügt über die öffentliche Datenbank www.femu@rwth-aachen.de mit über 7.000 Studien. Sein Fazit, das sich wie ein roter Faden durch alle Testreihen zieht: Einzelfälle, die eine Gefährdung durch Mobilfunk nachweisen, lassen sich wissenschaftlich gesichert nicht wiederholen. Untersuchungen, die beispielsweise in puncto Krebsgefahr,
Blut-Hirnschranke oder Schlafstörungen durchgeführt wurden, hätten keine belastenden Hinweise auf Gefährdungen erbracht.
Also alles paletti für den Mobilfunk? „Nein", schränkt Silny ein, „wir haben die größten Schwierigkeiten, schwache Effekte zu belegen." Für 2004 bzw. 2005 werden nun zwei wichtige Untersuchungen der UN- Weltgesundheitsorganisation WHO erwartet, die für weitere Klärung sorgen sollen.
Hans-Jörg Schilder, freier Journalist in Wessobrunn aus NET Zeitschrift für Kommunikationsmanagement 6/04