Polemiker jongliert mit Fakten und Gefühlen

MARKDORF - "Mobilfunk - die verkaufte Gesundheit" nennt Hans-Christoph Scheiner seinen Vortrag. Der Arzt aus München und Bundesvorsitzende der Partei "Unser Aufbruch" hat am Mittwoch rund 80 Zuhörern eingeheizt, sich gegen Mobilfunk zu wehren. Eingeladen hatten Umweltgruppe und Bürgerinitiative Sendemast Spitalstraße.

Von unserer Mitarbeiterin Elke Oberländer

"Wer von Ihnen hat ein Handy? Wer hat ein Schnurlostelefon?" Die meisten Zuhörer heben die Hände, viele sichtlich peinlich berührt. Hans-Christoph Scheiner ist angetreten, den Leuten zu erklären, wie schlimm die Sache mit dem Mobilfunk denn nun wirklich ist. Er beginnt mit einem Paukenschlag: "Die ersten Opfer der Hochfrequenz sind unsere Kinder", sagt der Allgemeinarzt und Mobilfunkgegner.

Kinder seien aufgrund ihrer geringen Körpergröße "die idealen Antennen". Außerdem würden ihre Körper prozentual mehr Wasser enthalten als die von Erwachsenen, seien deshalb besser elektrisch leitend und demnach extrem strahlensensibel. Die hohen Zellteilungsraten machten den kindlichen Körper genetisch leicht verletzlich. Zudem seien Schädel und Röhrenknochen bei Kindern noch nicht mit Kalksalzen versetzt wie bei Erwachsenen, ihnen fehle also die Abschirmung.

So weit ist die Sache noch ganz übersichtlich. Weiter geht es mit der Blut-Hirn-Schranke: Scheiner zitiert schwedische Forscher, die entdeckt haben, dass Mobilfunk die schützende Barriere rund ums Gehirn öffne. Als eine Innentapete der Gefäße schütze sie das Denkorgan eigentlich vor Schlacken und Giften. Aber die Gehirne der bestrahlten Versuchstiere waren übersät von dunklen Flecken: aufgequollenem Gewebe, das benachbarte Nervenzellen zerquetscht hatte, erklärt der Arzt. Das abgestorbene Nervengewebe wertet Scheiner als Vorformen von Multipler Sklerose, Alzheimer und Parkinson. "Zigtausende sterben an Krebs und es wird nichts unternommen", raunt er ins Publikum. Das sei "ein absoluter Skandal". Und nochmal zeigt der Arzt die Folie mit den schwarzen Flecken: "Das sind abgestorbene Nervenzellen - das ist dokumentiert." Wie der Zusammenhang genau funktionieren soll zwischen den Flecken und den zigtausenden Krebsfällen erfahren die Zuhörer nicht.

"Erst Rinder, dann Kinder"

Genauso zusammenhanglos tauchen jede Menge Farbfotos von Kälber-Frühgeburten in Scheiners Vortrag auf. "Erst die Rinder, dann die Kinder", orakelt der Redner und spricht von "16-fachem Missbildungsrisiko". Wie die Missbildungen ausgelöst wurden, wer sie untersucht hat, bleibt unklar. Aber Scheiner stellt fest: Kritische Forschung sei unerwünscht, Informationen würden "brutal unter der Decke gehalten".

Scheiner jongliert lässig mit den Ergebnissen der Wissenschaftler: Der eine Professor habe schlampig gearbeitet, in einem anderen Fall sei "die Situation absolut signifikant" - dann nämlich, wenn das Ergebnis in das Weltbild des Mobilfunkgegners passt. Den Markdorfern rät Scheiner, die Messergebnisse am Sendemast in der Spitalstraße überprüfen zu lassen. Ihm kommen sie zu niedrig vor. Die Messung sollte nicht angekündigt werden. "Auch nicht am Telefon besprechen", rät der Aktivist aus München. "Das Telefon hat viele Ohren."

Quelle: Schwäbische Zeitung online vom 07.04.2006


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