Interview mit PD Dr.-Ing. Dr. med. habil. Otto Petrowicz


Von Kurt Ebnöther

Redaktion: Immer wieder liest und hört man von Einzelfällen, wo nichtionisierende Wellen für körperliche Gebrechen verantwortlich sein sollen. Sie haben als absolute Fachperson auf diesem Gebiet den internationalen Überblick. Wie sieht die Situation wirklich aus?

Dr. Dr. O. Petrowicz: Die umfangreichen bisherigen wissenschaftlichen Ergebnisse im In- und Ausland interpretierend sind keinerlei Schädigungen unterhalb der international empfohlenen (ICNIRP) und in Deutschland gesetzlich festgelegten Grenzwerte zu erwarten.

Redaktion: Sie vertreten die Wissenschaft, die Hochschulen und ihre anerkannten Institute. Doch Ihre Aussage steht in Kontrast zu Medienberichten, wo private Firmen und Stiftungen, die sich dem Thema "elektromagnetische Wellen" verschrieben haben, immer wieder mit beunruhigenden Schlagzeilen aufwarten. Wie interpretieren Sie diese Divergenzen?

Dr. Dr. O. Petrowicz: In der Öffentlichkeit wird dieses Thema leider sehr stark dramatisiert und durch gewisse Gruppierungen auch ausgenützt, um gegen technologische Entwicklungen und Fortschritte Stimmung zu machen oder um ihr eigenes Geschäft auf diese Art und Weise zu fördern. Und ich kann Ihnen versichern, dass bei mir und auch anderen, mit dem Thema vertrauten Wissenschaftern gewisse verbreitete Falschmeldungen und Fehlinterpretationen auf Unverständnis und sogar Verärgerung stossen. Wir müssen klar trennen: Auf der einen Seite haben wir die wissenschaftliche Meinung, die sich auf sogenannt "exakte Studien", der Basis des wissenschaftlich gesicherten Wissens abstützt. Dann gibt es andere, unterschiedlich motivierte Initiativen, die von sich aus sogenannt "unexakte oder empirische Studien" betreiben und Gefährdungen aus unterschiedlichsten krankheitserregenden Ursachen ableiten. Ich persönlich halte von dieser zweiten Gruppe nicht viel, da sehr viel Unsinn behauptet wird. Ich kann nur sagen, dass sich die neuesten Erkenntnisse auf dem Gebiet der elektromagnetischen Verträglichkeit für Mensch und Umwelt (EMVU) nach harten Fakten orientieren, die international und national wissenschaftlich nachgewiesen und anerkannt sind.

Redaktion: Aus den von Ihnen kritisierten Kreisen ertönt oft die Forderung, neue Technologie erst dann zuzulassen, wenn die langfristige Unbedenklichkeit absolut erwiesen ist.

Dr. Dr. O. Petrowicz: Ja. Das wird aber nie möglich sein. Die Wissenschaft kann zwar Schädigungen nachweisen, hingegen nie im voraus die Unbedenklichkeit. Diejenigen, die behaupten, es gebe einen lila farbenen Schwan, sind selber gehalten, dies zu beweisen. Nicht umgekehrt.

Redaktion: Wenn Leute in der Nähe einer Mobilfunk-Antenne Angst empfinden: Können Sie sie verstehen?

Dr. Dr. O. Petrowicz: Schauen Sie: Ich selber wohne 100 Meter neben einer GSM-1800-MHz-Antenne und dies seit drei Jahren. Mein Fazit: ich schlafe weder besser noch schlechter als vorher. Das selbe gilt für meine Familie. Und auch aus meiner Nachbarschaft ist kein einziger negativer Fall bekannt, wo eine Beeinträchtigung der Gesundheit oder des Wohlbefindens stattgefunden hätte. Mein Standpunkt ist, dass gegenüber den vielen anderen Gefährdungen und Risiken unseres Lebens dieses Risiko tatsächlich, wenn überhaupt existent, als ausgesprochen gering zu betrachten ist.


Dr. Dr. O. Petrowicz ist Wissenschaftlicher Koordinator EMVU der Technischen Universität München


Quelle: http://www.antenne.ch/html/fach-04.html
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