"Das Forschungspuzzle ergibt trotz Lücken ein klares Bild"
Interview mit Dr. Leitgeb
Quelle: Funkschau 02/2001
Funkschau: Herr Professor Leitgeb, wie groß ist das Restrisiko durch noch nicht erforschte gesundheitliche Wirkungen elektromagnetischer Felder im Vergleich zu den gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnissen; ist unser Unwissen größer als unser Wissen?
Dr. Norbert Leitgeb: Da kann ich wirklich mit Überzeugung sagen, dass unser Wissen bei weitem größer ist als unser Nichtwissen. Und zwar aus mehreren Gründen: Wir wissen sehr genau Bescheid über die physikalische Natur der Wellen. Wir kennen ihren Energiegehalt, kennen die physikalischen Wechselwirkungsmechanismen und vieles mehr. Und daher können wir das dahinter steckende Schädigungspotenzial sehr gut abschätzen. Wenn ich bedenke, dass die Energie von der wir hier reden, um das zehnmillionenfache und mehr geringer ist als die Energie, die nötig ist, um ein Molekül zu verändern, kann das Schädigungspotenzial nicht besonders groß sein.
Funkschau: Wissen wir tatsächlich genug, um sichere Aussagen treffen zu können?
Leitgeb: Meines Erachtens ja. Wenn wir Forschung als vielteiliges Puzzle verstehen, haben wir von diesem Puzzle schon einen Großteil der Steine zusammengesetzt, sodass sich im Wesentlichen ein klar erkennbares Bild ergibt. Es ist vielleicht noch nicht vollständig, aber die fehlenden Steine stellen nicht mehr das ganze Bild in Frage.
Funkschau: Trotzdem interpretiert die breite Öffentlichkeit den immer wieder geforderten Forschungsbedarf als Beweis prinzipieller Ahnungslosigkeit.
Leitgeb: Dieser Eindruck täuscht, oder wird mutwillig vorgetäuscht. Wir kennen eine Reihe von Wechselwirkungsmechanismen und wir können dieses Wissen sogar in Grenzwerte umsetzen, die auf der Basis tatsächlicher Fakten und gesicherter Erkenntnisse eine gesundheitliche Gefährdung im Alltag ausschließen.
Funkschau: Sind die fehlenden Stücke im Puzzle klein genug, um auszuschließen, dass eines Tages neue Messmethoden und Erkenntnisse alles wieder in Frage stellen?
Leitgeb: Das wird sicherlich nicht passieren, dazu wissen wir schon zu viel. Aber es ist auch wichtig anzuerkennen, dass keine Grenzwertfestlegung, keine Schutzüberlegung für alle Ewigkeit gemacht ist. Sie entspricht jeweils dem aktuellen Stand des Wissens und bedingt, dass man sich seriös und verantwortungsbewusst mit dem Gegenstand auseinander setzt. Aber eine dramatische Wende, eine Erschütterung in den Grundfesten halte ich für ausgeschlossen.
Funkschau: Was zählt für Sie zu den unerschütterlichen Grundfesten, auf denen die Forschung zuverlässig steht?
Leitgeb: Dazu gehören die thermischen Wirkungen der Hochfrequenz und auf der anderen Seite die Reizwirkungen im Niederfrequenzbereich; diese Effekte kennen wir, und die haben wir in den Grenzwerten mit einem genügend großen Sicherheitspuffer berücksichtigt. Dass es darüber hinaus nicht-thermische Wirkungen gibt, die unter gewissen spezifischen Umständen relevant werden könnten, schließe ich nicht aus. Aber das Gesamtkonzept wird durch solche allenfalls äußerst subtilen Effekte gewiss nicht in Frage gestellt.
Funkschau: Lässt sich der Forschungs-und Erkenntnisstand zur gesundheitlichen Wirkung von Mobiltelefonen auf einen einfach verständlichen Nenner bringen?
Leitgeb: Im Grunde ja. Der einfache Nenner lautet, dass die theoretischen Wirkungsmodelle, Laborbefunde und
epidemiologischen Untersuchungen bisher auch bei längerer Einwirkung keine überzeugenden Hinweise dafür ergeben, dass hochfrequente elektromagnetische Wellen unterhalb der Grenzwerte, egal ob kontinuierlich oder gepulst, unsere Gesundheit beeinflussen können.
Funkschau: Muss die Wissenschaft im Elektrosmogstreit nicht letztlich vor der Unmöglichkeit des "Nullbeweises" kapitulieren??
Leitgeb: Nein, durchaus nicht, zumindest nicht so endgültig, wie es immer wieder dargestellt wird. Wir können nämlich sehr wohl beweisen, dass die zulässigen Expositionen keine bedenklichen Wirkungen haben, die auf Erwärmung beruhen. Und wir können beweisen, dass im Niederfrequenzbereich eine Reizwirkung unterhalb der Grenzwerte nicht möglich ist. Wenn ich von einem bekannten Wechselwirkungsmodell ausgehe, kann ich diesen Beweis tatsächlich führen. Die bestehenden Grenzwerte können die bekannten gesundheitsgefährlichen Wirkungen ausschließen. Das ist ein grundlegender Unterschied zum Röntgenfeld. Dort hat man die bekannten gesundheitlichen Schäden, und die kann man durch die Grenzwerte nicht ausschließen. Wenn allerdings jemand fordert, jegliche denkbare Wirkung für alle Zukunft auszuschließen, muss ich als seriöser Wissenschaftler passen. Das geht selbstverständlich nicht! Ich kann nicht ausschließen, dass man in Zukunft andere Effekte feststellen kann, ich kann nicht ausschließen, dass in Zukunft Wechselwirkungen auftreten, die man jetzt nicht kennt. Das heißt: Gegen grundsätzlich spekulative Annahmen ist tatsächlich kein Nullbeweis möglich. Aber das wird immer unmöglich sein, auch in hundert Jahren noch.
Dip.-Ing. Dr. Norbert Leitgeb, Verfasser des Buches "Machen elektromagnetische Felder krank?"