"Es gibt keine körperlichen Ursachen für Elektrosensibilität"

Interview aus natur&kosmos November 2002

Neurologe Dr. Hermann Ebel erforscht die Krankheitsbilder elektrosensibler Menschen. Eine Diagnose für Elektrosensibilität gibt es bislang nicht. "Und ich bezweifle, dass wir eine finden."

natur&kosmos: Gibt es Menschen, die auf Elektrosmog sensibel reagieren - oder sind das alles eingebildete Kranke?

Ebel: Hypochonder sind es sicher nicht. Grundsätzlich muss man die Patienten ernst nehmen. Ich gehe immer davon aus, dass die Krankheitsbilder, über die diese Menschen klagen, nicht eingebildet sind. Am Anfang steht für uns also eine ausführliche körperliche Untersuchung. Ob es elektrosensible Menschen gibt, weiß ich schlichtweg nicht. Ich kann Ihnen nur sagen: Es gibt Menschen, die sich elektrosensibel fühlen, die über unterschiedliche Beschwerden klagen und diese zum Beispiel Sendemasten zuschreiben. Für ein Krankheitsbild der Elektrosensibilität gibt es allerdings bis heute noch keine Diagnose, und ich bezweifle sehr, dass wir eine finden werden. Dazu fehlen in der Forschung bislang noch jegliche Anhaltspunkte, und die Daten, die es gibt, sprechen dagegen. Aber eine gewisse Unsicherheit bleibt natürlich.

natur&kosmos: Wie viele Menschen sind betroffen?

Ebel: Etwa ein Prozent der Bevölkerung fühlt sich elektrosensibel. Davon klagt jeder zehnte über schwere Symptome.

natur&kosmos: Worunter leiden Ihre Patienten?

Ebel: Das lässt sich nicht genau fassen. Es sind zahllose unspezifische Symptome der funktionellen Körperstörungen: Kopfschmerzen, Probleme mit dem Herz-Kreislauf-Lunge-System wie Herzrasen, Herzklopfen, beschleunigter Puls, Atemnot. Häufig ist der Magen-Darm-Trakt betroffen mit Problemen wie Übelkeit, Durchfall. Allergische Reaktionen auf der Hautoberfläche sind ebenfalls nicht selten. Häufig klagen die Patienten darüber, dass viele Organsysteme gleichzeitig betroffen sind. Werden sie untersucht, finden wir für diese vielen somatischen Störungen keine körperliche Ursache. Und das nährt den Verdacht, dass womöglich psychosomatische Erkrankungen dahinterstecken. Die gesundheitlichen Probleme von Menschen, die zum Beispiel stark unter beruflichem oder persönlichen Stress stehen, sind sehr ähnlich zu denen bei Menschen, die behaupten, sie litten unter Sendemasten.

natur&kosmos: Eine seelische Ursache reicht Ihren Patienten als Erklärung nicht?

Ebel: Dazu sind die meisten zu sehr aufs Organische fixiert. Dahinter stecken ganz einfache psychologische Vorgänge: Jemand leidet unter unspezifischen Störungen wie Kopfschmerzen und Schlaflosigkeit. Sich einzugestehen, dass dahinter psychische Ursachen stecken könnten, ist den meisten Menschen zu ungenau. Zudem haftet seelischen Erkrankungen immer noch ein gewisser Makel an, das wirkt dann verrückt. Durch permanente Selbstbeobachtung werden diese Symptome verstärkt. Die Patienten lesen womöglich, dass es andere Betroffene gibt, die genau dieselben Krankheitsbilder haben und diese Sendemasten zuschreiben. Viele sind richtig erleichtert, endlich eine Erklärung gefunden zu haben, und sammeln alle möglichen Informationen, die ihnen Bestätigung liefern.

natur&kosmos: Manchmal erkranken ja ganze Familien, die in der Nähe von Sendemasten wohnen.

Ebel: Wir nennen diesen Prozess Induktion. Anfangs leidet vielleicht nur einer unter den Symptomen. Weil aber permanent darüber gesprochen wird, wird es zum Familienthema und schließlich zur Realität. Wenn jemand davon überzeugt ist, Strahlung mache ihn krank, kann es ihm gelingen, dass auch die Angehörigen über unspezifische Symptome nachdenken. Die gemeinsam erlebte Situation ändert zudem die Dynamik in der Familie: Über das gemeinsame Elend lassen sich Konflikte ausblenden, die Krankheit verbindet.

natur&kosmos: Dennoch klagen viele Menschen darüber, elektrosensibel zu sein.

Ebel: Zum Teil handelt es sich um Zeitgeist-Erkrankungen, und zu dieser These gibt es historische Bezüge. Veränderungen wurden von Menschen schon immer zum Anlass genommen, um darauf Krankheiten aufzubauen. Als im 19. Jahrhundert vom Gänsekiel auf die Stahlfeder als Schreibwerkzeug umgestellt wurde, reagierten viele Menschen mit unspezifischen Schreibkrämpfen und diffusen Beschwerden im Arm. Dahinter steckt sicherlich auch immer ein gutes Stück Skepsis dem Fortschritt gegenüber.

Privatdozent Dr. Hermann Ebel ist Neurologe und ärztlicher Direktor an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Ludwigsburg

Das Interview ist der Beilage "Mobilfunk + Gesundheit" zu natur&kosmos 11/2002 entnommen.


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