Es ist irgendwie ein Phänomen: Mobilfunkantennen, die schon seit längerem auf Hügeln, Dächern oder Masten thronen, werden von der Bevölkerung überhaupt nicht mehr wahrgenommen oder schlichtweg ignoriert. Doch kaum macht sich ein Mobilfunk-Betreiber daran, eine neue Anlage zu errichten, regt sich heftiger Widerstand.
Auch im Landkreis Kulmbach schlagen die Mobilfunk-Wellen immer wieder hoch. Beispiel Frühjahr 2003, als besorgte Einwohner von Mainleus per Bürgerentscheid vergeblich versuchten, die Vermietung eines gemeindlichen Grundstücks bei Schwarzach an die Firma Vodafone zu verhindern. Oder kurze Zeit später, als die Anwohner der alten Sandgrube in Burghaig auf die Barrikaden gingen und einen Masten in ihrer Nachbarschaft kippten, bevor er gebaut war. Oder im November 2003, als der Vorstand des SV Burghaig Vodafone gestattete, auf seinem Sportgelände eine Antenne zu errichten - und damit heftige Diskussionen auslöste, die längst noch nicht beendet sind.
Wasser auf die Mühlen der Mobilfunk-Gegner gossen unlängst fünf Hausärzte aus Naila. Sie stellten eine - zumindest auf den ersten Blick - spektakuläre Studie vor. Die Mediziner hatten ermittelt, dass binnen zehn Jahren in unmittelbarer Nähe einer Mobilfunkanlage auf der Nailaer Frankenwaldhalle mehr als doppelt so viele Menschen an Krebs erkrankten als im übrigen Ort. Bürger reagierten bestürzt und betroffen, Kommunalpolitiker aufgebracht, Mobilfunkbetreiber skeptisch.
Und die Wissenschaft? Die steht im Regen. Denn ihr war es bis dato nicht möglich, die Ergebnisse der Nailaer Studie zu bewerten oder gar nachzuprüfen. Denn die fünf Ärzte weigern sich trotz mehrmaliger Bitten beharrlich, dem bayerischen Umweltministerium oder dem Bundesamt für Strahlenschutz ihre Expertise zur Verfügung zu stellen. Herausgegeben wurde bislang lediglich eine Power-Point-Präsentation, die der Kreisverband der Grünen kürzlich ja auch in Kulmbach vorgestellt hat.
Ohne jeden Zweifel müssen die Sorgen und Ängste der Bevölkerung ernst genommen werden. Aber mindestens ebenso wichtig ist es, nachzuprüfen, ob diese Sorgen und Ängste auch begründet sind. Die Nailaer Ärzte haben dazu mit ihrer so genannten Studie bislang leider nicht beigetragen, zumindest noch nicht. Stattdessen wurde - womöglich unnötig - Hysterie geschürt, die keinem weiterhilft. Fakt ist: Auch nach Naila gibt es keinen wissenschaftlichen Nachweis, dass von Mobilfunkstrahlen (die eigentlich Wellen sind) eine Gefahr für Leib und Leben ausgeht.
Was noch stört an der ganzen Debatte ist, dass mit unsauberen Argumenten versucht wird, die Bevölkerung aufzuheizen. So stimmt es nämlich nach Informationen der Bayerischen Rundschau keineswegs, dass die Universität Bremen die Nailaer Studie positiv bewertet hat. Und so ist der immer wieder gerne angeführte "Salzburger Grenzwert" ein Mythos - auch in Österreich gelten die international anerkannten und von der Weltgesundheitsorganisation empfohlenen Grenzwerte. Das Salzburger Modell ist, schenkt man Insidern Glauben, reines Wunschdenken.
Einen guten Ansatz zur Lösung des gordischen Knotens lieferten die Kulmbacher Grünen in der vergangenen Woche. In einem Schreiben an Bundesumweltminister Jürgen Trittin lug GOS-Kreistagsfranktionschef Jürgen Öhrlein einen kompetenten Vertreter des Ministeriums nach Kulmbach ein, um bei einer Podiumsdiskussion "die Aufklärung der Bevölkerung weiter voranzutreiben". Dann sollten jedoch solche platten Aussagen wie die von Dr. Claus Gumbrecht ("Die Mobilfunkindustrie lügt, betrügt und täuscht") tunlichst unterbleiben.
Quelle: Nordbayerischer Kurier, Bayreuth vom 21.08.2004