Heimtückische Hochfrequenzen


Glosse aus der Abendzeitung München vom 11.02.2002

Da macht sich der gewöhnliche Münchner ja nicht die geringste Vorstellung, wie gefährlich er lebt. Das hängt nämlich, was kaum jemand weiß, mit den niederfrequent gepulsten Hochfrequenzen zusammen. Und die schwirren bekanntlich von den Mobilfunkmasten auf den Hausdächern durch Stadt und Land und fallen Mensch und Tier an. Ob es nun wirklich stimmt, dass zwischen Garching und Freising bereits ein Kalb mit zwei Köpfen gesichtet wurde und dass zwischen Lochhausen und Pasing um Mitternacht neuerdings Gockel auf die Misthaufen steigen und den Vollmond anheulen wie es eigentlich nur Wölfe und Schakale machen - ob das also stimmt, ist noch nicht hundertprozentig erwiesen, es gibt jedoch Leute, die schwören Stein und Bein, dass das alles schon passiert ist oder auf alle Fälle noch passieren wird.

Ehrlich gesagt, von niederfrequent gepulsten Hochfrequenzen habe ich bisher nicht die geringste Ahnung gehabt. Unlängst aber bin ich entlang der Eislaufbahn hinter dem Rathaus in Richtung Feldherrnhalle gegangen und ließ dabei in meiner völligen Unwissenheit den lieben Gott einen guten Mann sein, denn es war einer dieser raren Föhntage mitten im Winter, die schon voller Frühlingsahnen sind und wo die ganze Welt himmelblau ist. Doch da wurden mir auf Höhe der Maffeistrasse die Augen geöffnet. Dort stand ein Mann und streckte allen Passanten ein Papier entgegen. Dazu schaute er wie ein Friedhofsschaffner beim Hinablassen des Sarges in die Grube, weshalb ich noch dachte: "So a grantigs Gsicht an so an schönen Tag." Dann nahm ich ihm so ein Papier aus der Hand und blätterte es auf, weil es ein Faltblatt war. Da war mir sofort klar, warum der Mann so geschmerzt schaut.

Irgendwie grenzt es fast an ein, wenn nicht gar an mehrere Wunder, dass in München auch noch Gesunde herumlaufen. Denn in dem Faltblatt steht es schwarz auf weiß, dass wir alle von früh bis spät und außerdem noch von spät bis früh einer heimtückischen Gefahr ausgeliefert sind, eben diesen heimtückisch niederfrequent gepulsten Hochfrequenzen. Bekanntlich ist der gewöhnliche Mensch ein ziemlich einfältiges Wesen, das hauptsächlich nur glaubt, was es sehen, anfassen, riechen oder schmecken kann. Aber bei niederfrequent gepulsten Hochfrequenzen geht das alles nicht, sie sind sogar so raffiniert, dass man sie nicht einmal hören kann. Trotzdem aber lauern sie hinter jeder Straßenecke oder zum Beispiel auch in sämtlichen Stockwerken von Mietshäusern und sogar im ausgebauten Kellergeschoss eines schmucken Reihenhäuschens, also mit anderen Worten: selbst unter der Erde.

Das heißt, dass es kein Entrinnen gibt und wir arme Teufel uns auf Schritt und Tritt Schlafstörungen, depressive Verstimmung, Gedächtnis- und Potenzstörungen, Augenkrebs und Kopftumor und mindestens noch ein Dutzend anderer Krankheiten einhandeln, in die uns die Fachleute bisher ohne jede Vorwarnung haben hineinlaufen lassen. Aber zum Glück gibt es ja diese unerschrockenen Männer und Frauen, die ohne jede Panikmache ihr Faltblatt verfasst haben und es unters Volk bringen und ihm damit endlich die Wahrheit und nichts als die Wahrheit sagen.

Wie seinerzeit die ersten Eisenbahnen sind die niederfrequent gepulsten Hochfrequenzen natürlich auch ein Werk des Teufels und auch damals gab es wie heute so tapfere Verfechter der allerreinsten Wahrheit. Dabei hat die Eisenbahn wenigstens noch entfernt nach Schwefel gestunken, aber nicht einmal das machen die niederfrequent gepulsten Hochfrequenzen. Möglicherweise lassen sie sich aber trotzdem zumindest von Gotteshäusern fernhalten, indem dort Ministranten eifrig den Weihrauchkessel schwenken.

Von der Eisenbahn jedenfalls ist nie etwas darüber bekannt geworden, dass irgendwann auch nur ein einziger Zug durch ein Kirchenschiff gedampft sei, und alles traut sich selbst der niederfrequent gepulste Hochfrequenz-Teufel vermutlich auch nicht, gell.

Guido Fuchs
(Bis nächsten Montag.)


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