Die vorliegende Rezension des o.g. Buches erschien in der Zeitschrift EMF-Monitor des Ecolog-Instituts, Heft 2/2003:
Es hätte so schön sein können! Da erscheint endlich ein allgemeinverständliches Buch, in dem die Autoren eine Vielzahl von Einzelheiten zusammentragen, sprachlich gewandt in den Gesamtzusammenhang stellen und so praktisch alle Aspekte im Umfeld des Mobilfunkausbaus behandeln:
Das beginnt bei den physikalischen Grundlagen und technischen Gegebenheiten auf der einen Seite sowie vielen eindrücklichen Berichten von Menschen, die an den unterschiedlichsten gesundheitlichen Problemen leiden und diese in einen Zusammenhang mit den Sendeantennen in ihrer Umgebung bringen, auf der anderen Seite. Aufgeführt werden aktuelle Forschungsarbeiten zu möglichen Auswirkungen der Mobilfunkstrahlung und die Schwierigkeiten, die kritische Wissenschaftler bekommen können, wenn sie ihre Ergebnisse veröffentlichen möchten. Dargestellt werden die rechtlichen Gegebenheiten und politischen Rahmenbedingungen ebenso, wie die Aktivitäten von Bürgerinitiativen und kritischen Verbänden. Es werden Vorschläge gemacht, wo und wie die Politik handeln sollte. Schließlich werden Ratschläge gegeben, was jeder Einzelne tun kann, um seine Elektrosmogbelastung zu verringern.
Diese knappe Aufzählung deutet den Umfang der in dem Buch behandelten und klar dargestellten Aspekte an. Ja, es hätte so schön sein können.
Doch kann ein Buch empfohlen werden, das voller sachlicher Fehler und Ungereimtheiten steckt? In dem nicht wenige Aussagen in einen falschen Zusammenhang gestellt werden und nicht nachprüfbare Behauptungen aufgestellt werden?
Hier nur einige Beispiele:
Dass "1 W/cm2 = 100 mW/cm2 = 100.000 µW/cm2" (S. 20) gelten soll, kann ja noch ein ärgerlicher Druckfehler sein (da "m" für "milli" bzw. 1/1.000 steht, müsste es heißen: 1 W/cm2 = 1.000 mW/cm2 = 1.000.000 µW/cm2).
Der Text zur Abbildung 2, S. 23 führt den nicht vorinformierten Leser bzgl. gepulster Strahlung völlig in die Irre:
Die abgebildete Welle ist in analoger Weise amplitudenmoduliert und eben nicht gepulst - nur eine falsche Bildunterschrift, oder haben die Autoren den Unterschied zwischen analoger Amplitudenmodulation und gepulster Ausstrahlung selber nicht verstanden?
Dazu passt auch die falsche Aussage, dass nachts, wenn nur der dauernd strahlende Organisationskanal aktiv ist, 'auch die Basisstation annähernd im 217-Hz-Puls sendet' (S. 28). Gerade dann ist diese 217-Hz-Pulsstruktur im Signal der Basisstation gar nicht oder nur sehr schwach ausgeprägt. Allerdings kann dies den Autoren kaum angelastet werden, da hierüber sehr viele verwirrende Aussagen gemacht werden (vgl. auch S. 13 in dieser Ausgabe).
Die Einstufung der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) von niederfrequenten Magnetfeldern bei Tagesmittelwerten von mehr als 0,4 µT als "potenziell Krebs erregend für den Menschen" hat mit dem Mobilfunk nichts zu tun. Die Aussage im Buch "Nicht ohne Grund hat die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC), die der Weltgesundheitsorganisation (WHO) untersteht, im Juni 2001 elektromagnetische Strahlung ab Werten von 120 µW/m2 (beziehungsweise 0,4 µT) in die Liste der potenziell Krebs erregenden Faktoren aufgenommen." (S. 43) wird durch die Platzierung am Ende eines Absatzes zu der "Frage, ob elektromagnetische Felder, wie sie beim Betrieb von Mobilfunkanlagen entstehen, Krebs auslösen oder befördern können" in einen falschen Zusammenhang gebracht. Dies wird noch verstärkt durch die Angabe einer Zahl in den Einheiten der Leistungsflussdichte, die im Hochfrequenzbereich häufig benutzt wird, im Niederfrequenzbereich aber keinen Sinn macht, der angegebene Zahlenwert (120 µW/m2) ist außerdem völlig unverständlich (im HF-Bereich würden 0,4 µT fast 40 W/m2 entsprechen).
Auf Seite 127 werden ohne Nennung der genauen Quellen Zahlenangaben gemacht, die so nicht überprüfbar sind, um zu zeigen, wie niedrig ein Vorsorgewert eigentlich sein müsste: "Nervenzellen geben aber schon bei 2000 nanoWatt/m2 falsche Signale, wie Professor Semm festgestellt hat. Die Blut-Hirn-Schranke wird schon bei 1000 nanoWatt2 durchlässig, wie Professor Salford gezeigt hat." (S. 127). Als Quellenangaben finden sich an anderer Stelle im Buch ein privates Gutachten von Semm, in dem er ohne weitergehende Angaben neuronale Reaktionen schon ab 0,4 mW/m2 (= 400.000 nanoW/m2) erwähnt (http://www.biirgerfrequenz.lu/GutachtenPr20Semm.htm).
Zitiert wird im Buch auch die neueste, in einer wissenschaftlichen Zeitschrift veröffentlichte Arbeit von Semm, in der über Reaktionen der Nervenzellen bei 1 W/m2 (= 1.000.000.000 nanoW/m²) berichtet wird (Beason und Semm 2002, Neuroscience Letters 333/3). Alles weit unter den Grenzwerten der 26. BImSchV, aber woher kommen die 2000 nanoW/m2? Auch die ebenfalls an anderer Stelle im Buch zitierte Arbeit von Professor Salford zeigt eine vergrößerte Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke bei einem anderen, viel höheren Wert als auf S. 127 angegeben, nämlich einem SAR-Wert von 0,016 W/kg. Dies würde beim Menschen einer von außen einwirkenden Leistungsflussdichte von 0,9 W/m2 entsprechen (Salford u.a. 1994: Micros. Res. Tech., 27). In einer neueren Arbeit berichtet Salford von Einwirkungen auf die Bluthirnschranke schon ab 0,002 W/kg (entsprechend 0,11 W/m2 = 110.000.000 nanoW/m2, immer noch viel höher als die angeführten 1000 nanoW/m2). Auch hier belegen die angeführten Arbeiten biologische Reaktionen weit unterhalb der thermischen Schwelle und sind damit ein Beleg für eine dringend nötige Änderung der 26. BImSchV. Um dies zu erreichen, müssen die Arbeiten aber korrekt wiedergegeben werden.
Diese Liste ließe sich noch lange fortsetzen. Die vielen verwirrenden, oft sogar falschen Angaben entwerten das Buch leider doch ganz erheblich. Schließlich ist die Frage nach der Grenze, ab welcher Intensität der Strahlung mit einer Gesundheitsbeeinträchtigung zu rechen sein kann, nicht ganz ohne Belang.
Wie reagieren potenzielle Leser auf diese Fehler? Viele Laien werden sie erst einmal gar nicht wahrnehmen, gar nicht bemerken können, schließlich wollen sie sich ja erst 'schlau machen'. Aber auch Laien ohne Vorbildung kommen z.B. bei einer Messung mit konkreten Zahlenwerten in Berührung, die sie dann z.B. mit Hilfe dieses Buches bewerten und einordnen wollen. Spätestens dann sind falsche Angaben keine Nebensache mehr. Mobilfunkkritische Menschen mit guten Vorinformationen werden die Fehler und Ungenauigkeiten erkennen und einordnen können, sich vermutlich darüber ärgern, aber das sonstige zusammengetragene vielfältige Material im Buch trotzdem würdigen können. Mobilfunkbefürworter, die diese Fehler erkennen, werden das Buch eher als 'typische Panikmache der Kritiker' abtun, anstatt sich mit den inhaltlichen Argumenten auseinander zusetzen. Wobei genau diese Auseinandersetzung der Befürworter mit den guten Argumenten gegen einen ungezügelten Ausbau des Mobilfunks, die ja auch im Buch enthalten sind, doch so wichtig wäre!
Leider bleibt insgesamt als Antwort auf die obige Frage, ob das Buch empfohlen werden kann, eigentlich nur ein Zitat aus dem Buch selbst (S. 180): "Wer glaubt schon noch einem Experten, der nicht einmal richtig rechnen kann?"
Thomas Grasberger und Franz Kotteder: "Mobilfunk ein Freilandversuch am Menschen"
Verlag Antje Kunstmann, München 2003 ISBN 3-88897-329-5