ECOLOG-INSTITUT HANNOVER:
Kritische Bewertung der Nailaer-Studie

COBURG - Die Untersuchung, die fünf Nailaer Hausärzte durchgeführt und am 27. Juli 2004 in Form eines Zwischenberichts veröffentlicht haben, hat für neuen Zündstoff in der Diskussion über eventuelle gesundheitliche Risiken durch Mobilfunk gesorgt. Die Mediziner haben ihre Patientenunterlagen aus den Jahren 1994 bis 2004 ausgewertet und kommen zu dem Schluss, dass Anwohner die in einer Entfernung von bis zu 400 Metern um eine Mobilfunk-Basisstation auf der Frankenhalle leben, einem "signifikant" höheren Krebrisiko unterliegen. Eine Aussage, die nicht unumstritten ist.

Jetzt hat sich auch H.-Peter Neitzke vom ECOLOG-Institut, Hannover, zu Wort gemeldet. Der eher als mobilfunkkritisch eingestufte Neitzke, stellt in seinen Ausführungen (Neitzke H.-P. 2004: Naila: Pro und Contra. EMF-Monitor 4/2004: 5.7) fest, dass "die Krebsverteilung in der Umgebung von Mobidlfunkanlagen bisher noch gar nicht untersucht" wurde. Vor diesem Hintergrund sei die Untersuchung aus Naila "sehr verdienstvoll". Andererseits werfe die Mobilfunkstudie aus Naila "auch eine Reihe von methodischen Fragen auf", die geklärt werden müssten, bevor von einer praktikablen wiederholbaren Studie gesprochen werden könne.

Dabei seien den Ärzten aus Oberfranken einige Schwächen der Untersuchung offenbar durchaus bewusst, da sie selbst darauf hinwiesen, ihre Studie habe Pilot-Charakter. Die Mediziner fordern, "mit großen epidemiologischen Studien umgehend zu beginnen, um ein mögliches Risiko der Bevölkerung zu verifizieren oder auszuschließen."

Auch Neitzke verweist darauf, dass bislang von der Studie nicht mehr als eine Power-Point-Präsentation vorliege, sowie Stellungnahmen gegenüber den Medien, die einige wenige zusätzliche Informationen, zum Beispiel zur Nichtberücksichtung der Bewohner eines Altenheims im Innenkreis um die Anlage, lieferten.

"Eine Offenlegung aller wichtigen Informationen und eine fachliche Diskussion der methodischen Vorgehensweise sowie der Ergebnisse vor dem Gang in die Öffentlichkeit wären sicher wünschenswert gewesen. Dies hätte den Autoren manche Unterstellung erspart", so Neitzke.

Dem Vorwurf, die Zahl der untersuchten Personen sei zu gering, um eine verlässliche Aussage machen zu können, mag Neitzke nicht gelten lassen. "Der von den Verfassern der Studie durchgeführte statistische Standardtest (Chi-Quadrat-Test) bestätigt, dass das Ergebnis tatsächlich statistisch signifikant ist", schreibt er. Berechtigt sei jedoch der Einwand, der Abstand zum Sendemasten sei kein brauchbares Maß für die Klassifizierung der Exposition, da ein geringer Abstand nicht notwendigerweise eine hohe Exposition bedeute. Dies hätten aktuelle Messungen des ECOLOG-lnstituts zur Vorbereitung einer epidemiologischen Querschnittsstudie zum Gesundheitszustand der Bevölkerung in der Umgebung von Mobilfunkanlagen im Rahmen des deutschen Mobilfunkforschungsprogramms gezeigt.

Neitzke weiter: "Die Vernachlässigung anderer Expositionsquellen führt unter Umständen zu einer Fehleinschätzung der Exposition der untersuchten Personen. Im Rahmen einer Messung sollten die Beiträge aller Hochfrequenzquellen, also aller Mobilfunkanlagen, von DECT-Telefonen, WLAN und ggf. Radio- und Fernsehsendern erfasst werden".

Nur als "begrenzt zulässig" sieht Neitzke die Verwendung der Zahlen des saarländischen Krebsregisters, "weil ein Vergleich von Krebsraten eigentlich nur bei ähnlich strukturierten Siedlungsgebieten und Bevölkerungsgruppen möglich ist".

Und: "Eine Aussage zu unterschiedlichen Erkrankungszeitpunkten ist eigentlich nur möglich, wenn einzelne Krebsarten verglichen werden; hierfür dürfte die Zahl der erfassten Fälle aber viel zu klein sein".

Weiter heißt es: "Die Autoren der Naila-Studie gehen lediglich auf Nikotin und Alkohol als mögliche Einflussfaktoren ein. Aus den bisher vorliegenden Unterlagen geht nicht hervor, wie sie den Einfluss dieser beiden Faktoren berücksichtigt haben. Andere mögliche Confounder, wie Verkehrsdichte, emittierende Betriebe und so weiter, müssten ebenfalls in die Analyse einbezogen werden. mhw

Quelle: Neue Presse, Coburg vom 04.10.2004


Link zur Neuen Presse, Coburg
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