Wie konnte es dazu kommen,
dass sich in Deutschland weite Kreise der Bevölkerung vor einem Phänomen
fürchten, das angesichts jahrzehntelanger Erfahrungen von Fachleuten,
tausender wissenschaftlicher Arbeiten und extrem sicherer Normen
höchstwahrscheinlich gar nicht existiert? Dessen allenfalls denkbare
"Restunsicherheit" die alltäglichen Dinge wie Essen, Trinken,
Händeschütteln, Spazierengehen, Radfahren usw. wie überdimensionale
Gefahrenquellen erscheinen läßt? Vor wenigen Jahren wurde für vergleichbare
Phänomene in der Arbeits- und Umweltmedizin der zunächst scherzhaft gemeinte
Begriff "Ökochondrie" geprägt, der nun zunehmend auch auf die
Elektrosmog-Problematik angewendet wird.
Meines Erachtens handelt es
sich hier vor allem um ein psychosoziales Phänomen, das durch bestimmte
Mediatoren erzeugt, erhalten und verstärkt wird. Hierzu gehören vor allem:
Wissenschaftler aus verschiedensten Fachbereichen, die sich nur episodisch mit Feldwirkungen
beschäftigen. Sie unterschätzen nicht selten die erheblichen
experimentellen und interpretativen Fehlerquellen und gelangen dadurch
leicht zu falschpositiven Ergebnissen. Hinzu kommt, dass
Negativergebnisse, da scheinbar uninteressant, oft gar nicht erst
publiziert werden.
Experten aus
Wissenschaft, staatlichen Institutionen und Industrie, die ihre
spezifische Funktion nicht existentiell gefährden wollen. Bildlich
gesprochen: mit einer völligen Entwarnung würden sie genau den Ast
absägen, auf dem sie sitzen. Daraus ergibt sich die problematische
Ambivalenz, gleichzeitig Ungefährlichkeit und die Notwendigkeit weiterer
Forschung signalisieren zu müssen. Die dadurch vermittelte
"Restunsicherheit" ist eine wesentliche Quelle für die Ängste
der Bevölkerung.
Experten aus den Bereichen Telekommunikation
und Energiewirtschaft, welche die Gefahr einer Sensibilisierung für das
Thema Elektrosmog unterschätzt bzw. zu spät erkannt haben. Entsprechend
ungeschickt war in den letzten Jahren (und ist zum Teil noch heute)
sowohl der Umgang mit den Medien, als auch mit besorgten Bürgern an
konkreten Standorten.
Pseudoexperten aus den Bereichen
Baubiologie, Ökologie und Politik, die aus der systematisch über die
Medien geförderten Umweltangst Kapital schlagen. Sie profitieren vor
allem von dem Dilemma, dass - für welchen Faktor auch immer - der
geforderte wissenschaftliche Nachweis eines Nullrisikos unmöglich ist.
Hier trifft das Bild von Hase und Igel: hat die Wissenschaft eine
Wirkungsbehauptung mit ungeheurem Aufwand einigermaßen entkräftet bzw.
abgegrenzt, steht schon die nächste da.
Medienvertreter, die
unter hohem Erfolgsdruck stehen und daher zu einseitiger Berichterstattung
neigen ("only bad news are good news"). Da die Thematik schon
für den Fachmann schwer überschaubar ist, sind zudem Mißverständnisse
und Fehlinterpretationen an der Tagesordnung.
Engagierte Mitglieder
von Bürgerinitiativen, die verständlicherweise die von den Medien
verbreiteten, vermeintlichen Gesundheitsrisiken bekämpfen wollen. Eine
starke Rolle spielt auch das "David-Goliath-Gefühl": man
möchte sich von einer scheinbar übermächtigen Industrie nicht ungefragt
und ungehindert von neuen Technologien überrollen lassen, zumal sie das
Landschaftsbild mit ihren vielen Masten und Antennen nicht gerade
verschönern.
Bei allem Verständnis für
die Angst vor den Gefahren technischer Errungenschaften möchte ich
abschließend nicht unerwähnt lassen, dass sowohl die Versorgung mit
Netzstrom, als auch die allgegenwärtige Information mittels Hochfrequenz von
unschätzbarem Nutzen für uns alle ist. Das mag trivial klingen, wird aber von
Elektrosmog-Gegnern kaum so gesehen. Eine Abwägung des Restrisikos findet bei
diesem Thema erstaunlich selten statt.
Beispiel Handy: während auf
der einen Seite mit vagen Argumenten ein Gesundheitsrisiko herbeigeredet
wird, das offenkundig gegen Null geht, ist nachweislich gerade das Handy ein
enormer Sicherheitsfaktor, von den übrigen wirtschaftlichen und persönlichen
Vorteilen einmal abgesehen.
Täglich gehen derzeit
über die Notruffunktion allein in Deutschland mehrere tausend
Anrufe ein. Ich möchte es angesichts von weltweit 200 Millionen Handybesitzern
der Fantasie der Leser überlassen, wieviele Menschen dieser Technologie bereits
Gesundheit und Leben zu verdanken haben. Schon aus diesem Grund fordere ich
alle die es angeht auf, Scharlatane und Pseudoexperten offensiv zur
Verantwortung zu ziehen und durch eine eindeutige Haltung zur Entängstigung der
Bevölkerung beizutragen.