Eine neue Studie ergab ein erhöhtes Blutkrebsrisiko bei Kindern, die unter Hochspannungsleitungen aufwuchsen. Kritiker bezweifeln jedoch die Aussagekraft der Untersuchung
Seit sich Strahlenbesorgte und Bürgerinitiativen auf die vermeintlichen Gefahren von Mobilfunkmasten konzentrieren, sind Hochspannungsleitungen fast in Vergessenheit geraten. Nun weckte eine Studie erneut die Furcht, deren elektromagnetische Strahlung könnte das Risiko für Leukämie und andere Krebsarten steigern. Vor allem in England, wo die Forscher ihre Daten sammelten, sorgte die Untersuchung für erheblichen Medienwirbel.
Weltweit größte Studie
Eine Gruppe um Gerald Draper von der Universität Oxford hatte die weltweit größte Erhebung gestartet, um dem Verdacht nachzugehen, der erstmals vor rund 25 Jahren aufgekommen war. Die Forscher bezogen fast alle der etwa 33000 Krebsfälle bei Kindern ein, die zwischen 1962 und 1995 in England und Wales aufgetreten sind darunter 9700 Leukämie-Erkrankungen. Ergebnis: Wer in den ersten Lebensjahren weniger als 200 Meter entfernt von einer Hochspannungsleitung gewohnt hatte, erkrankte mit einer um 69 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit an Leukämie als die übrigen Kinder. Selbst wer in 200 bis 600 Metern Entfernung von einer Hochspannungstrasse entfernt aufwuchs, trug noch ein um 23 Prozent größeres Risiko. Für andere Krebsarten fanden die Forscher keinen Zusammenhang.
In dem Fachblatt British Medical Journal verhehlen die Wissenschaftler nicht, dass sie über ihre Resultate selbst verblüfft sind. Vor allem können sie sich die erhöhte Erkrankungsrate weit entfernt von den Hochspannungskabeln nicht erklären, weil dort die vermeintlich gefährliche Strahlung bereits gegen null tendiert. Denn die Magnetfelder unter Hochspannungsleitungen werden zwar anders als die elektrischen Felder kaum von Gebäuden abgeschirmt, beide nehmen aber mit der Entfernung schnell ab (siehe Grafik unten). "Bereits hundert Meter weiter sind sogar die Magnetfelder der elektrischen Geräte in den Häusern wesentlich stärker", erklärt Professor Jiri Silny, Leiter des Forschungszentrums für Elektro-Magnetische Umweltverträglichkeit an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule in Aachen.
Dies ist für Silny nicht die einzige Ungereimtheit. Der Strahlenexperte hält auch die große Zahl der Studienteilnehmer für Augenwischerei. Nehme man lediglich die Entfernungen bis zu 200 Meter von einer Hochspannungsleitung, verblieben "nur" noch 64 Leukämiefälle. Und im 50-Meter-Umkreis stünden fünf an Blutkrebs erkrankten Kindern drei nicht betroffene gegenüber. "Mit so kleinen Werten", bemängelt Silny, "können Sie keine vernünftige Statistik betreiben."
Magnetfelder: kurze Reichweite
In der Mitte zwischen zwei Masten einer Hochspannungsleitung herrscht das stärkste Magnetfeld (dunkelrot). Mit wachsender Entfernung sinkt die Feldstärke rasch auf etwa ein Zehntel des Spitzenwerts (hellblauer Bereich)
Viele kritische Kommentare
Bei näherer Betrachtung der Zahlen zeigen sich weitere kritische Punkte: Ursprünglich hatten die Forscher die Studienteilnehmer in kleinere Gruppen aufgeteilt. Dabei schwankten die Ergebnisse jedoch so stark, dass sie statistisch nicht von Zufall zu unterscheiden waren. Paradox: Das größte Risiko trugen nicht die am stärksten den Magnetfeldern ausgesetzten Kinder, sondern jene, die 70 bis 100 Meter entfernt von einer Hochspannungstrasse aufwuchsen. Erst mit etwas Zahlenakrobatik konnten die Wissenschaftler ein statistisch besser abgesichertes Ergebnis präsentieren: Sie teilten die Probanden in drei Gruppen ein, die zwischen 200 und 600 Meter, oder noch weiter von einer Kabeltrasse entfernt gewohnt hatten.
Doch selbst das so erzielte Resultat hält der Analyse zahlreicher Statistikexperten nicht stand. Fast 30 überwiegend kritische Kommentare gingen bei den Herausgebern des British Medical Journal ein. Bemängelt wurde auch die grundsätzliche Schwäche jener Art von Erhebungen, die Gerald Drapers Gruppe angewandt hatte. Bei so genannten Fallkontroll-Studien stellen die Forscher nachträglich jedem Patienten eine gesunde Versuchsperson gegenüber, die in diesem Fall dasselbe Geschlecht und Alter sowie den gleichen Geburtsbezirk aufweisen musste. Doch bei diesen Kriterien bleiben Faktoren außer Acht, die für das Leukämierisiko wahrscheinlich wichtiger sind - etwa der soziale Status der Familien oder ihre Kinderzahl.
Kein Vertrauen in eigene Daten
Auch sonst sind die Briten ehrlich genug, ihren eigenen Ergebnissen zu misstrauen. "Wir haben keine befriedigende Erklärung (für den Zusammenhang von Leukämie und Magnetfeldern; Anm. der Redaktion); es könnte sich um Zufall handeln", schreiben sie.
Auf welche Art magnetische Wellen Leukämie auslösen sollten, bleibt auch für Professorin Maria Blettner, Direktorin des Instituts für medizinische Biometrie, Epidemiologie und Informatik an der Universitätsklinik Mainz, ein Rätsel: "Das kann niemand vernünftig erklären, anders als etwa die Tumorbildung durch Radioaktivität."
Gleichwohl räumt Blettner ein, dass eine Reihe von Studien ein erhöhtes Leukämierisiko bei Magnetfeldern von konstant über 0,4 Mikrotesla aufzeigt, denen in Deutschland nur wenige Menschen ausgesetzt sind. Ob es sich hier um Ursache und Wirkung handelt oder ob der Zusammenhang zufällig ist, bleibt allerdings offen. "Im Übrigen", so Blettner, "würde das höchstens ein Prozent aller Blutkrebs-Fälle bei Kindern erklären."