Sind die Außerirdischen schon da?


Das Thema "Elektro-Smog" beflügelt Verschwörungstheorien und allerlei diffuse Ängste - Debatte

Von Hermann Rotermund
aus "die Welt" v. 18.04.2001

Ein Verkehrsunfall, verursacht durch mangelnde Aufmerksamkeit eines Autofahrers, erzeugt normalerweise keine nachhaltige Erregung der Öffentlichkeit. Der Kurzzeitschlaf oder die Ablenkung durch ein intensives Telefonat - mit oder ohne Freisprecheinrichtung - sind alltägliche Vorkommnisse mit nur geringem Geheimnispotenzial. Es ist äußerst wahrscheinlich, dass auf unseren Straßen viele Menschen durch Telefonate während der Fahrt zu Schaden gekommen sind - die Unfallstatistiker rechnen diesen Faktor jedoch nicht einmal gesondert heraus. Das gesetzliche Verbot des Telefonierens im Auto mit einem Handgerät scheint die letzten Fragwürdigkeiten dieses Themas beseitigt zu haben. Von einer Begleitforschung, die Unfälle in der Aufmerksamkeitskategorie vor und nach der neuen gesetzlichen Regelung vergleichend untersucht, ist nichts bekannt geworden.

Eine vollständig andere Situation erleben wir seit fast einem Jahrzehnt bei der Frage, ob der Mobilfunk Krankheiten verursachen kann. Es gibt eine Vielzahl von Studien, deren Umfang und Aufwand immer größer wird, und es gibt vor allem eine in der Bevölkerung auffällig verbreitete Meinung. Diese Meinung ist angstbesetzt und schert sich wenig um die dürftigen Ergebnisse der wissenschaftlichen Untersuchungen. Unerschütterlich bleibt der Verdacht, dass die Mobilfunkstrahlen die Hirnströme verändern, das Krebsrisiko erhöhen, das Immunsystem schwächen oder Schlafstörungen verursachen. Während die Reaktion der Öffentlichkeit auf die Risiken der mobilen Telefonate im Auto eher zurückhaltend und sachlich ist - wie auf die Fernsehreihe "Der 7. Sinn" -, lässt sich die Furcht vor den krank machenden elektrischen Feldern am ehesten mit der Faszination an der "Akte X" vergleichen. Die Aliens sind da, wir können sie nur noch nicht nachweisen. Ihr Wirken wird unter der Sammelbezeichnung "Elektrosmog" publikumswirksam zusammengefasst.

Diese Faszination der Elektrosmog-Bedrohung ist seit Jahren anscheinend konstant, obwohl sich viele Befürchtungen durch Konfrontation mit den physikalischen Gegebenheiten in Luft oder zumindest statistisch kaum darstellbare Größen auflösen lassen. Im Gegenteil, es kommen ständig neue Verdachtsmomente hinzu, die selten ausreichend begründet oder belegt werden. Entscheidend ist ein Durchblick der anderen Art, der so formuliert werden könnte: "Wir werden irgendwann entdecken, wie die schädlichen Einflüsse funktionieren, gut und wichtig ist, dass wir die Quelle jetzt schon kennen." Auch das eklatante Ausbleiben nachweisbarer Schäden an Menschen wird nicht wirklich als störend empfunden.

Es gibt unabweisbare elektromagnetische Wirkungen: Körper, die sich in unmittelbarer Nähe eines Senders befinden (sei es ein Sendemast oder ein Handy), werden erwärmt. Die Sendeleistung, die Frequenz und die Größe des Körpers spielen für diese Wirkung eine Rolle. Der Gebrauch von Mobiltelefonen erzeugt Wärme am Kopf, eine gesundheitsschädigende Wirkung wurde allerdings bislang nicht nachgewiesen. Eine neue Studie spricht hingegen von der Möglichkeit der Steigerung von Intelligenzleistungen, die durch die Erwärmung von Gehirnregionen bewirkt würde. Neben der Erwärmung gibt es auch nichtthermische Wirkungen, mit denen sich die mikrobiologische Forschung gerade beschäftigt. Ob kreiselnde Moleküle oder Ionenkonzentrationen in Zellmembranen - eine Schädlichkeit dieser Wirkungen ist noch unerwiesen. Die Schlafforschung hat belegt, dass Schlafen neben dem eingeschalteten Handy Verkürzungen der traumintensiven und unruhigen Rem-Phase hervorrufen kann, wodurch die Testpersonen sich als ausgeruhter empfinden.

Selbstverständlich gibt es gute Argumente dafür, sich nicht dauerhaft im Umkreis von 100 Metern eines starken Rundfunk- oder Mobilfunksenders aufzuhalten. In vielen Ländern gibt es Immissionsschutzgesetze, die Grenzwerte für die elektrische und magnetische Feldstärke von Hoch- und Niederfrequenzanlagen festlegen, also im Wesentlichen von Sendern und von elektrischen Leitungen. Die Diskussion von Grenzwerten ist legitim, wenn es Dauerbelastungen von Menschen im Nahbereich solcher Anlagen gibt. Was aber, wenn die Belastung meist nur im Promillebereich dieser Werte liegt und in Forschungslabors Tierexperimente mit Extremwerten widersprüchliche Resultate liefern, die sich oft nicht reproduzieren lassen? Verantwortungsvolle Wissenschaftler werden selbstverständlich eventuelle, noch unentdeckte Risiken nicht ausschließen, sondern auf die Notwendigkeit weiterer Grundlagenforschung verweisen. Gleichzeitig wird allerdings auch die nichtwissenschaftliche Legendenbildung angestoßen, Verschwörungstheorien eingeschlossen.

Eine interessante neue Variante des Kulturkampfes hat die Elektrosmog-Diskussion just vor Ostern in Italien hervorgerufen. Radio Vatikan - 1931 im Auftrag von Pius XI. von Guglielmo Marconi persönlich aufgebaut - betreibt heute 25 Kilometer von Rom entfernt ein Sendegelände mit neun Kurzwellensendern und vier Mittelwellensendern. Durch sie werden gläubige Seelen in ganz Europa erreicht. Dabei wird allerdings nach Auffassung des italienischen Umweltministers Bordon den sterblichen Hüllen der Anwohner in der Nachbarschaft ungebührlicher Schaden zugefügt. Er drohte daher mit der Abschaltung der Stromversorgung für diese Sender. Man einigte sich darauf, nach den Feiertagen - für die dem Vatikan an einer unverminderten Sendeleistung gelegen war - in einer gemeinsamen Kommission Messverfahren und das weitere Vorgehen zu klären.

Der Autor ist Literaturwissenschaftler und Unternehmensberater im Internet- und Fernsehbereich.


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