Angst essen Daten auf

Eine Mobilfunkstudie aus dem oberfränkischen Naila zeigt das Spannungsfeld zwischen Emotion und Wissenschaft

Von Christopher Schrader

Mir hängt Ihre wissenschaftliche Haarspalterei zum Hals raus! Wir sind betroffen!" Für den Teilnehmer einer Bürgerversammlung im oberfränkischen Naila, dessen erbitterten Zwischenruf die Lokalpresse aufgezeichnet hat, waren die Fronten klar. Auf der einen Seite stehen er und seine Nachbarn in dem 8500-Einwohner-Städtchen, dem eigenen Empfinden nach bedroht durch die örtlichen Mobilfunkantennen. Auf der anderen Seite stehen Wissenschaftler, die sich bemühen, nach objektiven Kriterien zu bestimmen, ob es eine Bedrohung gibt - und eine Studie ansässiger Ärzten kritisieren.

Seit langem wird in der Wissenschaft über mögliche Gefahren des Mobilfunks gestritten. Die widersprüchlichen Ergebnisse der Forscher werden von Behörden, Bürgerinitiativen und Betreibern der Handynetze völlig konträr interpretiert. Im Fall Naila jedoch ist die wissenschaftliche Logik vollends zum Selbstbedienungsladen verkommen.



Fokus der Sorgen: Bürger des Städtchens Naila fürchten, die Strahlung der Mobilfunkantennen auf dem Dach der Frankenhalle verursachte Krebs. R.Feldrapp

Dort
• drohen Politiker wie der Bürgermeister und der Landrat Mobilfunkbetreibern mit Konsequenzen, gestützt allein auf vorläufige Ergebnisse einer methodisch fragwürdigen Pilotstudie,
• verkündet der Sprecher der örtlichen Bürgerinitiative, jeder "wirklich neutrale Wissenschaftler" müsse doch die Risiken des Mobilfunks bestätigen, sonst sei er wohl nicht neutral,
• stellt das Fernsehmagazin „Quer" des Bayerischen Rundfunks den Krebstod eines Schülers in Zusammenhang mit der Mobilfunkantenne in der Nähe seines Gymnasiums, ohne einen tragfähigen Beweis dafür zu liefern,
• bitten Forscher sämtlicher zuständigen Stellen von Ministerien bis zum Bundesamt für Strahlenschutz, die Daten der Pilotstudie prüfen zu können - bisher vergeblich.

Hintergrund der Aufregung ist eine Untersuchung der fünf Hausärzte aus Naila. Wie ihr Sprecher Horst Eger sagt, haben sie in ihren Patientenunterlagen nach einer Häufung von Krebsfällen rund um die Mobilfunkantennen auf der städtischen Frankenhalle gesucht. Dazu wurde jeweils eine Hand voll Straßen im Umkreis von 400 Metern um den Sendemast und außerhalb dieses Zirkels zufällig ausgewählt. Dann prüften die Ärzte nach eigenen Angaben die Daten sämtlicher dort lebender Patienten. Ausgeschlossen wurden nur Menschen, die nicht seit 1993, als die Antennen errichtet wurden, kontinuierlich in der Straße gelebt haben, „und die Bewohner des Altersheims", sagt Eger. „Wir wollten die Ergebnisse ja nicht verzerren."

Das Ergebnis fanden die Ärzte und mit ihnen die Bürger und Verwaltung Nailas alarmierend. Im inneren Kreis hatten 18 von 320 Menschen zwischen 1994 und 2004 Krebs bekommen, außen 16 von 647 Untersuchten. Demnach lag das Risiko, im Umkreis von 400 Metern um den Sendemast an Krebs zu erkranken, 2,25 mal so hoch wie in größerer Entfernung von der Antenne. Mit einem einfachen statistischen Test berechneten die Ärzte, dass dieses Resultat nach gängigen Kriterien der Medizin signifikant ist: Die Wahrscheinlichkeit, dass der Unterschied zwischen den beiden Gebieten allein auf einem Zufall beruht, liege unter fünf Prozent. Zudem sagt Eger, „sind die Patienten im Innenbereich im Durchschnitt acht Jahre früher erkrankt".

Wer nur diese Zahlen betrachtet, muss alarmiert sein. Das haben die meisten Bürger von Naila getan, die sich bei der Bürgerversammlung - in der Frankenhalle - über die vermeintliche Gefahr erregten. Sie hatten aber auch kaum eine Chance, weiteres zu erfahren, denn viel mehr Daten haben Eger und seine Kollegen bislang nicht veröffentlicht. Die Stadtverwaltung Naila verschickt auf Anfrage eine CD-Rom mit Egers Powerpoint-Präsentation. Sie enthält außer den pauschalen Ergebnissen nur knappe Hinweise darauf, dass der Unterschied zum Beispiel nicht durch das höhere Alter der Innenraumbewohner oder durch womöglich Tabak-bedingte Lungenkrebsfälle verzerrt sei.

Weitere Daten zur Verfügung zu stellen, lehnt Eger ab. Die Ärzte bereiteten eine Veröffentlichung vor, sagt er, bis dahin können weder die zuständigen Behörden, noch die Mobilfunkbetreiber, noch die Süddeutsche Zeitung die Studie einsehen. Stattdessen verweisen der Arzt wie auch der Bürgermeister von Naila Frank Stumpf auf ein Schreiben des Bremer Epidemiologen Rainer Frentzel-Beyme. Der Abteilungsleiter am Zentrum für Umweltforschung der Bremer Universität bestätigt darin: „Die Auswertungen zeichnen sich durch ein erstaunlich hohes Niveau der verwendeten Methoden aus, wenn man sich klar macht, dass sich die Ärzte in der Freizeit und ohne finanzielle Unterstützung mit der Problematik befasst haben." Im Gespräch mit der SZ betonte Frentzel-Beyme jedoch auch, die Untersuchung könne nur eine Pilotstudie sein, für genauere Aussagen bedürfe es eines Nachfassens bei den untersuchten Bürgern. Das muss zum Beispiel für Egers Aussage gelten, Patienten in der Nähe der Antennen erkrankten acht Jahre früher. Eine solche Aussage ist wissenschaftlich nur zu halten, wenn man die Fälle nach Krebsarten vergleicht. Dafür aber, gibt Horst Eger zu, fehlen den Ärzten in Naila die Fallzahlen. Die acht Jahre dürften einer Kontrolle also kaum standhalten.

Auch andere Größen müssen noch überprüft werden, räumt Eger ein:
„Sämtliche möglichen Störfaktoren müssen noch eruiert werden: zum Beispiel die Berufe, wie viele Leute rauchen. Aber warum sollten die sich im Innen- und Außenkreis unterscheiden?" Das genau ist aber eine Frage, die ein korrekt arbeitender Forscher beantworten muss, bevor er Schlüsse aus seinen Daten zieht. Verzerrungen können sich zum Beispiel schon aus der Altersstruktur der Teilnehmer ergeben, die durch den Durchschnitt nicht vollständig wiedergegeben wird.

Die größten Probleme aber dürfte das Kriterium machen, nach dem die Ärzte in Naila ihre Patienten in mehr oder weniger exponierte Personen eingeteilt haben. „Die Beschreibung einer Exposition durch Radiowellen über die Distanz zu nahen Sendeeinrichtungen ist generell für epidemiologische Studien ungeeignet", haben der Mainzer Forscher Joachim Schüz und seine Kollegen vor einigen Jahren bei einem Forschungsprojekt zum Thema Strahlung und Krebs festgestellt. Denn Mobilfunkantennen senden nicht in alle Richtungen gleichmäßig, sondern die meiste Energie in eine „Keule", die leicht nach unten zeigt. Wer nah an der Antenne wohnt, aber unter oder neben der Keule, bekommt meist viel weniger ab als weiter entfernte Menschen in der Hauptrichtung des Strahls.

Petitionen gegen die Grenzwerte

Zudem haben Eger und seine Kollegen ihren 400-Meter-Kreis nur um den Sendemast auf der Frankenhalle geschlagen, von dem aus Vodafone und E-Plus senden. Etwa hundert Meter weiter östlich aber ist an einem Flutlichtmast der Sender des Betreibers T-Mobile montiert, sagt dessen Sprecher Markus Jodl. Der Kreis, in dem die „Exponierten" wohnen, müsste in der Ärzte-Studie also eigentlich ein achtförmiges Gebilde sein. Hinzu kommt ein Faktor, auf den Gunar Kreuzer vom bayerischen Landesamt für Umweltschutz (LfU) in Augsburg hinweist. „Wenn jemand ein schnurloses DECT-Telefon hat, dann ist die Belastung durch den Mobilfunk in der Regel fast zu vernachlässigen."

Sowohl das bayerische Umweltministerium als dessen nachgeordnete Behörde, das LfU, haben den Ärzten in Naila daher angeboten, bei den von Krebs betroffenen Studienteilnehmern in der Wohnung nachzumessen, wie stark die Strahlung ist. Erste Messungen in Naila hat Krenzer bereits vor einigen Wochen gemacht. Demnach unterschreitet die Strahlung überall im Ort den Grenzwert. Der höchste Wert wird auf dem Dach des der Frankenhalle benachbarten Gymnasium gemessen, er beträgt etwa vier Prozent des Limits. In einem Klassenzimmer erreichte die Strahlung zweieinhalb, auf dem Schulhof ein, im ganzen Rest des Ortes weit weniger als ein Prozent des Grenzwerts.

Die Stadt Naila drängt die Mobilfunk-Betreiber aber nun, die Leistung ihrer Sender um den Faktor von einer Million zu senken. Gleichzeitig fordert sie in einer Petition an die Parlamente in München, Berlin und Straßburg, die Grenzwerte sollten um den gleichen Wert gesenkt werden. Damit, sagen Fachleute, ist kein sinnvoller Handy-Empfang mehr möglich.

All diese Argumente aber, besonders die wissenschaftlichen, werden den Gang der Diskussion in Naila kaum beeinflussen. Mobilfunkgegner bewerten Studien oft ganz anders als etablierte Forscher und tun Einwände gegen ihre Auswahl als „wissenschaftliche Haarspalterei" ab, wie jener Bürger bei der Versammlung. Sie empfinden es offenbar als frustrierend, dass bisher alle großen Uberblicks-Arbeiten von Universitätsinstituten und staatlichen Kommissionen in Deutschland, den Niederlanden, Schweden, Großbritannien und den USA zum gleichen Ergebnis kommen:
Sie geben zwar einzelne Hinweise, aber keine Beweise für eine gesundheitsschädliche Wirkung von Handy-Strahlen. Dieses Urteil dürfte auch die unveröffentlichte, unvollständige Studie der Ärzte um Horst Eger nicht umstoßen. (Bayern)

Quelle: Süddeutsche Zeitung vom 06.08.2004


Link zur Süddeutschen Zeitung
Seitenanfang
vorherige Seite