Gesundheitliche Auswirkung schwacher elektrischer und magnetischer Felder
(und der wissenschaftliche Irrtum)


Von Dr. Robert K. Adair

Vor einem Jahrhundert erlebten fast ein Fünftel der in den USA geborenen Kleinkinder nicht ihren 10. Geburtstag. Heutzutage sterben weniger als eines von Hundert. Noch zu Beginn des 2. Weltkrieges erreichten 20% von uns nicht das Alter von 50 Jahren. Heute sterben nur ungefähr 6% vor diesem Geburtstag. Jetzt zu Beginn des 21. Jahrhunderts, wo unseren Kindern und uns der Tod entfernter ist als jemals zuvor, hat es den Anschein als wenn wir auf hypothetischen Gesundheitsgefahren mehr herumreiten, als dies je der Fall war.

Es ist uns bewusst, dass die Gesundheit, der wir uns erfreuen und die wir schätzen, hauptsächlich der Wissenschaft zu verdanken ist - besonders der biologischen Grundlagenforschung und der angewandten Biologie in der Medizin. Demzufolge betrachten wir wissenschaftliche Forschung - und besonders die biologische Forschung - als Mittel zur Feststellung und Behebung von solchen Einflüssen, die nach wie vor unsere Gesundheit verletzen könnten. Aber für die meisten Nichtwissenschaftler - und zu viele Wissenschaftler ! - gründet sich dieser "Blick" auf ein schwammiges Verständnis wissenschaftlicher Vorgehensweise. Die Leute sind zu leichtgläubig und nehmen zu viel als bare Münze.

Viele veröffentlichte Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung sind falsch. Lassen Sie uns als Beispiel eine Teilmenge von Veröffentlichungen über Wirkungen schwacher elektromagnetischer Felder (EMF) betrachten.

Es gibt mindestens 300 Veröffentlichungen, die über biologische Wirkungen von EMF berichten. Im Bereich niedriger Frequenzen gehen diese von unserem elektrischen Leitungssystem aus, im Bereich höherer Frequenzen von Radio, TV, Radar und Kommunikationssystemen, wie auch Mobiltelefonen. Aber es gibt keine derartigen Wirkungen. Wie viele andere wissenschaftlichen Hypothesen in der Physik, z.B. kalte Kernfusion und polymeres Wasser, sind alle diese vielen Ergebnisse, die positive biologische Wirkungen schwacher EMF zeigen, falsch. Viele davon sind in anerkannten Journalen veröffentlicht.

Diese "Ergebnisse" lassen sich der Einfachheit halber in die zwei Kategorien Laborexperimente und epidemiologische Studien unterteilen. Diese sind unterschiedlich, was die Vorgehensweise betrifft, sie weisen aber ähnliche Fehler auf. Epidemiologische Studien versuchen gesundheitliche Auswirkungen der EMF zu ermitteln, indem die Gesundheit von Populationen, die Feldern ausgesetzt sind, mit solchen verglichen wird, die keinen Feldern ausgesetzt sind. In diese Kategorie schließe ich ähnliche Wirkungsbestimmungen der EMF auf Tiergruppen ein. Bei Laborexperimenten wird im weitesten Sinne versucht, Wirkungen der EMF auf biologische Funktionen zu erfassen, ob sie nun geeignet erscheinen die Gesundheit zu beeinträchtigen oder auch nicht.

Beide Gruppen von Studien sind Fehlern unterworfen, die sich aufgrund fehlerhafter Durchführung ergeben. Wissenschaft ist kompliziert; ehrliche und fähige Wissenschaftler können Fehler machen. Viele dieser Fehler beruhen jedoch auf Unfähigkeit und einige auf Verfälschung. Der Epidemiologe John P. A. Ioannides hat ein in weiten Kreisen kursierendes Dokument unter dem Titel "Warum die meisten der veröffentlichten Forschungsergebnisse falsch sind" veröffentlicht, in dem er Kriterien betrachtet, die sehr häufig zu fehlerhaften Schlussfolgerungen führen.

Die Stärken und Schwächen der Epidemiologie

Die Epidemiologie ist als leistungsfähiges Instrument wichtig, um Umwelt bezogene gesundheitliche Beeinträchtigungen aufzudecken - wie etwa Rauchen - bei denen die Wirkungsursache nicht vollständig verstanden ist. Die Ergebnisse epidemiologischer Studien stellen wegen der einfachen Art der Darstellung von Schlussfolgerungen eine besonders wichtige Ausgangsbasis dar.

Während die Epidemiologie, wie andere Studien auch, prozessualen Fehlern ausgesetzt ist, liegt die Betonung hier ganz besonders auf der statistischen Signifikanz - diese stellt häufig eine Quelle des Missverständnisses wenn nicht der Missinterpretation dar. Die Ergebnisse epidemiologischer Studien gesundheitlicher Auswirkungen von EMF werden normalerweise als einfache Zahlen des relativen Risiko-Verhältnisses (RR) in Verbindung mit der Zufallswahrscheinlichkeit (P) angegeben. Als Beispiel wurde in einer wichtigen Studie herausgefunden, dass 11 Kinder, die neben einer Hochspannungsleitung als EMF-Quelle leben, an kindlicher Leukämie erkrankten, während die Erwartung von Kindern, die in der Distanz zu solchen Leitungen wohnen, also ohne signifikante Felder, 4,4 beträgt. Daraus folgt als Risiko-Verhältnis, RR = 11/4,4 = 2,5. Die Kinder, die in der Nähe einer Hochspannungsleitung wohnen scheinen mit der zweieinhalbfachen Wahrscheinlichkeit Leukämie zu bekommen, verglichen mit solchen, die im Abstand zu EMF-Quellen wohnen. Elementare statistische Theorie sagt uns, dass die Wahrscheinlichkeit, dass 11 oder mehr Kinder zufällig Leukämie bekommen, wenn die erwartete Anzahl 4,4 ist, P = 0,0058 = 1/170 beträgt. Also gab es nur eine Möglichkeit aus 170, dass 11 Fälle in der Probe zufällig auftreten. Die Ergebnisse dieser Studie wurden dann in weiten Kreisen benutzt, um zu zeigen, dass die Felder von Hochspannungsleitungen eine wahrscheinliche Ursache für kindliche Leukämie darstellen.

Aber wie bei vielen anderen, möglicherweise den meisten Studien, war das Ergebnis irreführend. Die Autoren der Studie haben mehr als 300 verschiedene Arten von Krankheiten (mehr als 170!) überprüft, von welchen in ihrem veröffentlichten Bericht die hier beschriebene die mit dem signifikantesten Ergebnis war. Berücksichtigt man die große Anzahl von Studien, war es wahrscheinlicher, als dass nicht in einer dieser Studien - das gilt für einige Krankheiten oder Krankheitsausprägungen - 11 Fälle gefunden werden würden, obwohl nur 4 oder 5 zu erwarten wären. Somit war das Ergebnis wahrscheinlich nur ein statistischer Ausreißer und kein Indiz für Wirkungen durch EMF.

Labor Zufälle

Vielfach entstammen Berichte positiver Ergebnisse Labor-Experimenten mit vergleichbaren Missbräuchen statistischer Methoden. Der Experimentator wird eine große Reihe von Möglichkeiten betrachten und schwerpunktmäßig diejenigen auswählen, die zufällig positive Resultate vortäuschen.

Die Flut schlecht durchgeführter und übermäßig beworbener Studien welche fälschlicherweise Wirkungen von EMF berichten, haben verschiedene Ursachen. Wenn überhaupt, können heutzutage Wissenschaftler nicht so vorgehen, wie sie es sich gerne wünschten. Forschung erfordert Unterstützung, nämlich finanzielle Mittel. Unvermeidlich müssen die Geldgeber entscheiden, wo ihre Mittel den größten Nutzen bringen. Die beträchtlichen Gelder, die durch Organe zugewiesen werden, die sich dem Gesundheitsschutz verpflichtet sehen, erfordern eine harte Zäsur. Infolgedessen ist es wesentlich wahrscheinlicher, dass Wissenschaftler, die Ergebnisse präsentieren, welche eine Beeinträchtigung der Gesundheit durch schwache EMF nahe legen, Gelder bekommen als solche, die keine derartigen Wirkungen finden. Auch ist es wesentlich wahrscheinlicher, dass Journale Veröffentlichungen annehmen, welche über mögliche biologische Wirkungen solcher Felder berichten, als Veröffentlichungen, die deren Nichtvorhandensein berichten.

Diese Zwänge beeinflussen die Handlungsweise der mit biologischen Auswirkungen von EMF befassten Wissenschaft und die berichteten Ergebnisse. Zum größten Teil ist die experimentelle Wissenschaft eine komplexe, scharfsinnige und schwierige Angelegenheit. Oft misslingt etwas. Oft müssen die Nutzdaten aus mangelhaften Reihen selektiert werden. Diese Auswahl ist zwangsläufig subjektiv. Ich sollte zu diesen Fehlern Auswüchse von Selbstdarstellung hinzunehmen. Die meisten Wissenschaftler arbeiten, um ihre Arbeit in einem positiven Licht darzustellen - ich mache das ebenso. Wie häufig bei der Werbung, kann sich dies mit Unaufrichtigkeit vermischen. Folglich verderben Zwänge, positive Ergebnisse zu belohnen und negative Ergebnisse abzulehnen manchmal diese Wahl und damit die davon abhängige Wissenschaft.

Beseitigung von Fehlern

Wissenschaft ist eine menschliche Angelegenheit durchsetzt mit all den Schwächen der Menschen. Wie Mark Twain schrieb, "Alles worauf ich zu wissen achten muss, ist, dass ein Mann ein menschliches Wesen ist - das ist ausreichend für mich, schlechter kann er irgendwie nicht sein."

Manche wissenschaftlichen "Fehler" sind Bestandteil guter Wissenschaft. Ein erheblicher Teil der Forschung führt zu deren Entstehung durch kompetente, korrekt vorgehende Wissenschaftler aufgrund vorläufiger Schlussfolgerungen, von denen man weis, dass sie auf wackeligen Beinen stehen - und deshalb oftmals "falsch" sind. Wissenschaftler finden manchmal etwas, was möglicherweise wichtige Schlussfolgerungen auf Eigenschaften der Natur darstellen könnte, was aber nicht definitiv ist und in geeigneter Weise der Aufmerksamkeit der Forschergemeinde als "Hypothesen bildendes Ergebnis" nahezubringen ist, im Unterschied zu den vollständiger ausgeprägten Ergebnissen, welche das solide Fundament wissenschaftlicher Erkenntnis darstellen. Aber die Ergebnisse einer derartigen Forschung, die öfters falsch als korrekt sind, stellen keine Richtschnur der Politik dar.

Manchmal wird die Wichtigkeit der Wiederholung von Ergebnissen hervorgehoben. Kompetente Skeptiker sind nie in der Lage gewesen, irgend eine der vielen berichteten biologischen Wirkungen von EMF zu reproduzieren. In der Tat, während die Möglichkeit einer einfachen "Duplikation" eine notwendige Bedingung darstellt, um ein Ergebnis als bestätigt zu betrachten, ist es keine dafür ausreichende Bedingung. Ein Versuch, fehlerhafte Ergebnisse zu wiederholen kann zu den selben fehlerhaften Resultaten führen, in dem fehlerhafte Vorgehensweisen wiederholt werden. Es ist die Begründung einer Struktur von Ergebnissen - die vielen Konsequenzen, die sich aus einer Hypothese ergeben - welche die Grundlage von Wissenschaft darstellt. Unter Wissenschaft versteht man nicht eine Anhäufung unabhängiger Ergebnisse, eine Sammlung von individuellen Tatsachen wie eine Briefmarkensammlung, vielmehr sind es Gruppen von Strukturen. Oft bringen einzelne Experimente derartige Strukturen hervor. Solche Experimente müssen nicht wiederholt werden und werden es meistens auch nicht. Eine derartige Wiederholung wäre eine Verschwendung von Ressourcen.

Bei der Gewichtung der Gültigkeit einer Interpretation eines Versuchsergebnisses ist es ebenso wichtig - normalerweise sehr wichtig - dass die Interpretation fest etablierte Zusammenhänge nicht verletzt. Der physikalische Grundsatz den wir "Energieerhaltungssatz" nennen, ist solch ein Zusammenhang, fest verankert durch eine Unmenge von Beobachtungen (Experimenten). Die Wahrscheinlichkeit, dass sich dieses Gesetz als fehlerhaft erweist, ist sehr, sehr klein. Folglich muss die Interpretation eines Versuchsergebnisses, welche die Verletzung des Energieerhaltungssatzes erfordert, mit dem Bewusstsein dieser extrem kleinen Wahrscheinlichkeit betrachtet werden. Sofern die Interpretation aufrecht erhalten werden soll, muss die Wahrscheinlichkeit, dass das Ergebnis korrekt ist, sehr, sehr groß sein. Ich nenne diesen notwendigen anfänglichen Zweifel eine "Bayesianische Barriere", benannt nach Thomas Bayes, der diesen Effekt quantitativ vor zweieinhalb Jahrhunderten beschrieb.

Wer nur auf der Suche nach einem singulären Ergebnis ist, wie es eine besondere Muschel im Sand am Meer darstellte, mag freilich argumentieren, dass das Scheitern, eine echte Wirkung der EMF zu finden, nur bedeutet, dass niemand an der richtigen Stelle gesucht hat. Der Möglichkeit irgend einer biologischen Wirkung solcher schwacher Felder steht jedoch eine stabile Bayesianische Barriere entgegen. Physikern ist bekannt, dass die Wechselwirkung elektromagnetischer Felder mit Materie im Grunde sehr einfach ist. Die Felder üben eine Kraft auf geladene Teilchen proportional zur Stärke des Feldes und der Größe der Ladung aus - das ist alles! Wir wissen auch, dass bei Körpertemperaturen alle diese geladenen Teilchen ständig sich ändernden Feldern und Kräften unterliegen, die um so vieles größer sind, als die schwachen Felder und schwachen Kräfte von z.B. Mobiltelefonen, dass deren Felder unbemerkt bleiben müssen. Aus diesem Grunde liefert uns die Physik ein überzeugendes Bayesianisches Argument gegen irgend eine mögliche Wirkung schwacher EMF.

Obgleich vereinzelt veröffentlichte Forschungsergebnisse, wie solche die biologische Wirkungen von EMF berichten, sehr häufig falsch sind - entweder weil sie handwerklich schlecht gemacht sind, unlauter durchgeführt wurden oder es sind gut gemachte Hypothesen bildende Experimente mit gewagten Schlussfolgerungen - liegen die Fehler zusammenfassend betrachtet, meistens nie bei der Wissenschaft als Institution. Allerdings wird innerhalb einer derartigen Institution keine Auffassung akzeptiert, solange sie nicht einen Prozess des Siebens und Aussortierens zur Begründung eindeutig definierter Strukturen durchlaufen hat.

Robert Adair, Ph.D, ist emeritierter Sterling-Professor an der Yale Universität. Er ist Mitglied der nationalen Akademie der Wissenschaften, wo er als Vorsitzender der Abteilung Physik und Vorsitzender der Klasse der physikalischen Wissenschaften tätig war. Seine Forschungen befassten sich mit Kernphysik, elementarer Teilchenphysik, Biophysik und Sportphysik.


Nichtautorisierte Übersetzung: Klaus Grieninger

Englischsprachiges Original: "American council of science and health", ACSH, "facts and fears" vom 18.10.2006


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